“Spanien geht immer Risiken ein”

Immer wieder diese “Minuten der Panik”. Als solche hatte Luis Enrique selbst die Anfangsphase der zweiten Halbzeit gegen Japan am letzten Gruppenspieltag bezeichnet, als Spanien zwei Tore gefangen hatte zum Endstand von 1:2. Doch dass der Nationaltrainer darauf auch vor dem Achtelfinale an diesem Dienstag (16 Uhr, LIVE! bei kicker) gegen Marokko noch angesprochen wird, mag er so langsam nicht mehr verstehen.

Hat das 1:2 gegen Japan abgehakt und hält an seiner Fußballidee fest: Spaniens Trainer Luis Enrique.

Hat das 1:2 gegen Japan abgehakt und hält an seiner Fußballidee fest: Spaniens Trainer Luis Enrique.

IMAGO/ZUMA Wire

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

“Japan war zehn Minuten besser, und wenn wir jetzt weiterkommen sollten, wird es weitere Minuten geben, in denen die Gegner besser sind als wir”, sagte Luis Enrique am Montag und damit einen Tag vor dem Achtelfinale gegen Marokko. Aber das sei logisch angesichts der Leistungsdichte bei einer WM. “Der Gegner kann auch spielen”, stellte der spanische Trainer klar fest. Der 52-Jährige rief daher dazu auf, “das Positive” zu sehen und nicht immer das Haar in der Suppe zu suchen. Denn, und darauf ist er stolz als Coach der Roja, die an diesem Dienstag (16 Uhr, LIVE! bei kicker) im Uruguay-angehauchten Himmelblau spielen wird, “Spanien geht immer Risiken ein”.

Das wolle er auch so. Das Spiel machen, angreifen, Spektakel, alle sollten Spaß haben … die Teams, die Zuschauer, wenn es hoch hergehe, das gefalle auch ihm. Und natürlich gefällt ihm noch mehr, wenn Spanien weiterkommt.

Wobei: “Was mich generell am wenigsten besorgt, ist das Ergebnis. Fußball ist kein fairer Sport, aber meistens gewinnt der, der besser ist.” Daher wolle er, dass seine Roja es gut mache, dann sei die Wahrscheinlichkeit hoch, auch gegen Marokko zu gewinnen.

“Ich versuche, alle dazu zu bringen, Spaß zu haben”

“Aber”, Luis Enrique gab am Montag ja so etwas wie eine Art Unterrichtsstunde in Fußball-Philosophie, “es ist nicht möglich, alles zu kontrollieren. Denn Spieler machen Fehler.” Deshalb mache es auch nur bedingt Sinn, Spieler nach Fehlern auszutauschen. Indes tauscht der Coach generell liebend gern. In rund 50 Spielen als Nationaltrainer hat er nicht ein einziges Mal die Anfangsformation wiederholt, der Wechsel als Konstante und über allem das System, das ist seine Maxime. Und sein Ansatz von Ballbesitz und Pass- und Umschaltspiel sei gar nicht anders als vor knapp zehn Jahren bei Barça, wo ihm 2015 der Triple-Sieg gelungen ist. “Der Ansatz des Spiels ist der gleiche.” Die Spieler seien andere, nur noch die von ihm hoch geschätzten Sergio Busquets und Jordi Alba (“Der Linksverteidiger mit dem besten letzten Pass der Welt” (O-Ton der Trainer) sind dabei. “Aber die Idee ist die gleiche. Ich versuche, alle dazu zu bringen, Spaß zu haben.”

Spaß und Spektakel, für die neutralen Zuschauer wäre Letzteres auch bei einem Elfmeterschießen geboten. Luis Enrique betonte dahingehend vehement: “Elfmeterschießen ist keine Lotterie. Wenn man Elfmeter trainiert, hat man bessere Chancen. Das ist trainierbar. Der Torhüter hat viel Einfluss.” Spanien habe in Unai Simon einen guten Torhüter dafür, natürlich würden Elfmeter trainiert. “Das Ganze ist weniger Glück, als es dies früher war.”

Luis Enriques Wunsch: “1000 Elfmeter üben”

2021 bei der EM kam seine Roja im Elfmeterschießen gegen die Schweiz weiter, schied dann im Shoot-out des Halbfinales gegen Italien aus. Keeper Simon hatte gegen die Schweiz zwei Schüsse pariert, gegen Italien einen.

Am Montag offenbarte der Coach: Vor einem Jahr nach der EM habe er seine Spieler gebeten, jeder möge “1000 Elfmeter üben”. Im Klub, in Katar sei ja gar keine Zeit dafür. Übung macht den Meister, der passionierte Triathlet Luis Enrique ist davon überzeugt.

Spanien und “das Schwierige”

Und ansonsten? “Alle sind gesund”, sagte der Coach. Auch der zuletzt noch angeschlagene Rechtsverteidiger Cesar Azpilicueta, wobei erneut auch Daniel Carvajal zum Einsatz kommen könnte.

Dem Trainer war noch wichtig: “Wir werden unsere Idee nicht ändern. Das bedeutet nicht, dass wir jede Minute dominieren müssen.” Auch dürften seine Spieler Bälle rausschlagen, wenn es sein müsse. Aber der angestrebte Stil sei ein anderer: von hinten herauszuspielen. Und Spaniens Angriffslinie sei zugleich die erste Abwehrreihe und umgekehrt. Problem sei eben, dass der Gegner in der Regel auch nicht schlecht sei: “Das Schwierige ist, es umzusetzen.”

Stimmung gegen uns? – Pedri: “Mir gefällt es”

Spaniens Jungstar Pedri freut sich mächtig auf das Achtelfinale gegen Marokko, in dem Kapitän Busquets zu zwei Rekordhaltern aufschließen kann.

Spaniens Pedri genießt es, den Ball zu haben.

Spaniens Pedri genießt es, den Ball zu haben.

picture alliance / NurPhoto

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

Er ist gerade mal 20 Jahre jung, und auch das erst seit zehn Tagen, also kam die Frage vielleicht ganz passend. Ob die “Ohrfeige gegen Japan” rechtzeitig gekommen sei, wurde Pedri vor dem Achtelfinale an diesem Dienstag gegen Marokko gefragt. Und der Mittelfeldspieler gab offen zu: “Natürlich.” Lieber gegen Japan zum Abschluss der Gruppenphase als jetzt gegen Marokko, wo eine Niederlage das WM-Aus bedeuten würde. “Wir wollen dieses Spiel unbedingt.” Natürlich gewinnen. “Wir wissen, dass wir jederzeit ausscheiden können. Aber ich denke, wir sind bereit.”

Er selbst fühle sich “sehr gut.” Persönlich, aber auch aufgehoben im Spielstil der Seleccion mit viel Ballbesitz und im Mittelfeld an der Seite seiner Barca-Kollegen Sergio Busquets und Gavi. „Ich habe Spaß, wenn ich den Ball habe, genieße ich es. Ich möchte wirklich, dass das Spiel gegen Marokko beginnt.”

Pedri war trotz seiner immer noch erst 17 Länderspiele ja schon so etwas wie der Star der Auswahl bei der EM vor einem Jahr, wo er alle sechs Matches bis zum Aus im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Italien durchgespielt hatte.

Pedri: “Wir sind es alle gewohnt, in Stadien zu spielen, die gegen uns sind”

Das Gegner Marokko in Katar eine Heimspielatmosphäre haben dürfte, stört den Youngster nicht, er hat ja schon allerhand erlebt in der kurzen Karriere. “Wir sind es alle gewohnt, in Stadien zu spielen, die gegen uns sind. Mir persönlich gefällt es und ich fühle mich wohl. Wir müssen es eben schaffen, den Rhythmus zu bestimmen.”

Achtelfinale

Auf einen Treffer in der Roja, die gegen Marokko in einem Uruguay-angehauchten Hellblau spielen wird, wartet er aber noch. Bei dieser WM und in dieser Saison hat ihm der gar erst 18-jährige Kumpel Gavi diesen Rang etwas abgelaufen, gemeinsam sind sie dennoch die Zukunft der Seleccion – und geht es nach Nationaltrainer Luis Enrique, dann auch über Katar hinaus der bereits 34-jährige Busquets.

Der macht gegen Marokko sein 17. WM-Spiel und schließt damit zu Spaniens Rekordhaltern Iker Casillas und Sergio Ramos auf. Kommt der Weltmeister von 2010 weiter, dann stellt Busquets, übrigens der letzte Verbliebene vom WM-Triumph in Johannesburg gegen die Niederlande, mit einem weiteren Einsatz im Viertelfinale einen Landesrekord auf. 142 Länderspiele hat der Kapitän, der 2009 unter Vicente del Bosque debütierte. Ramos mit 180 und Casillas mit 167 Länderspielen sind auch die einzigen Spieler, die im spanischen Länderspiel-Ranking noch vor ihm liegen.

Diese Teams stehen im WM-Achtelfinale

Die Gruppenphase der WM befindet sich auf der Zielgeraden. Diese Teams haben sich bereits für die K.-o.-Runde qualifiziert.

Als Sieger der Gruppe H weiter: Südkorea.

Als Sieger der Gruppe H weiter: Südkorea.

IMAGO/Nordphoto

Niederlande (Gruppe A: Erster)
Senegal (Gruppe A: Zweiter)

WM-Achtelfinale

England (Gruppe B: Erster)
USA (Gruppe B: Zweiter)

Argentinien (Gruppe C: Erster)
Polen (Gruppe C: Zweiter)

Frankreich (Gruppe D: Erster)
Australien (Gruppe D: Zweiter)

Japan (Gruppe F: Erster)
Spanien (Gruppe F: Zweiter)

Marokko (Gruppe F: Erster)
Kroatien: Gruppe F: Zweiter)

Brasilien (Gruppe G: Platzierung noch unklar)

Portugal (Gruppe H: Erster)
Südkorea (Gruppe H: Zweiter)

Xabi Alonso: “Schade, aber am Ende ist es auch gerecht”

Wer ist schuld am deutschen WM-Aus? War die spanische Niederlage gegen Japan abzusehen? Und hat La Roja das Zeug zum Titel? Diese Fragen wurde auch beim Trainingsauftakt von Bayer 04 diskutiert. Der spanische Trainer des Werksklubs, Xabi Alonso, gab darauf treffende Antworten.

Das deutsche Aus bei der WM in Katar war natürlich auch am Freitag in Leverkusen beim ersten Training nach dem Urlaub ein Thema. Erst recht, da Bayer mit Xabi Alonso nicht nur einen Weltmeister von 2010 als Trainer hat, sondern auch einen aus Spanien, dem Land, dessen 1:2-Niederlage gegen Japan, den deutschen K.-o. trotz des 4:2-Sieges gegen Costa Rica besiegelte.

“Alle geben mir die Schuld, aber es war nicht mein Fehler”, erklärte der 40-Jährige am Freitag mit einem Lächeln und fuhr ernsthaft fort: “„Es tut mir wirklich leid. Ich hatte gehofft, dass Deutschland weiterkommt. So eine Mannschaft will man weiter im Turnier sehen. Aber so ist Fußball und am Ende ist es auch gerecht.”

Die Deutschen sind selbst für ihre Situation verantwortlich und sollten die Schuld nicht bei anderen suchen.

Xabi Alonso

In der Tat hatte die DFB-Elf sich die Blamage selbst eingebrockt. Die Schwächen, die man beim 1:2 gegen Japan zeigte, aber auch beim 4:2 gegen Costa Rica, bei dem ein viel deutlicherer Sieg nicht unrealistisch gewesen wäre, sorgten für das Ausscheiden. So sieht es offenbar auch Xabi Alonso: “Die Deutschen sind selbst für ihre Situation verantwortlich und sollten die Schuld nicht bei anderen suchen. Sie sind reif genug. Das weiß nicht nur die Mannschaft, sondern alle in Deutschland.”

“Ich habe genug mit Bayer 04 zu tun”

Ob er vom DFB-Team enttäuscht worden sei, wollte der Leverkusener Trainer wohl aus Höflichkeit nicht verraten. “Kein Kommentar. Ich habe genug mit Bayer 04 zu tun”, sagte er mit einem Lachen und betonte nochmal: “Ich habe großen Respekt vor dem deutschen Fußball und auch Hansi Flick. Es ist einfach schade.”

Deutschland ist ausgeschieden, Spanien weiter dabei und für Xabi Alonso der Titelfavorit? “Es ist schwer zu sagen, wer der Titelfavorit ist. Ich glaube noch immer, dass Spanien eine gute Mannschaft und gute Spieler hat”, erklärte der Iberer, “aber jetzt geht die Weltmeisterschaft erst richtig los. Jetzt kannst du dir keine Konzentrationsschwächen mehr erlauben, jetzt geht es um Details.”

Der Spanier setzt zumindest ein Fragezeichen dahinter, ob seine Landsleute bereits reif genug sind für den großen Wurf. “Wenn man Spanien gegen Japan gesehen hat, erschien es zur Halbzeit unmöglich, dass Spanien das Spiel verliert. Dann fallen zwei Tore und sie verlieren es doch. Wenn das in der K.-o.-Phase passiert, ist es vorbei. Jetzt geht es auch um die mentale Stärke, darum, keine Fehler zu machen”, warnt Xabi Alonso.

“Ich glaube an sie, weil ich an sie glauben möchte”

Dabei kann der Jugend der spanischen Offensive eine entscheidende Rolle zufallen, allerdings im Negativen. “Das kann ein Problem werden. Für Spanien ist es eine große Herausforderung. Sie haben die Qualität, aber jetzt müssen sie sie auch auf diesem Level zeigen.”

Als nüchterner Fußballexperte hat Xabi Alonso seine kleinen Zweifel an La Roja, als Fußballliebhaber und Spanier indes nicht. “Ich glaube an sie, auch, weil ich an sie glauben möchte. Ich mag die Spieler, ihre Art zu spielen und auch den Trainer sehr”, sagt der frühere Mittelfeld-Stratege, “aber du spielst noch gegen Mannschaften wie Frankreich, Brasilien und Argentinien. Ich werde es genießen, diese Spiele zu sehen, fast wie ein Fan.” Bleibt abwarten, wie oft Xabi Alonso als solcher noch jubeln darf.

Stephan von Nocks

FIFA: Ball vor Japan-Tor war nicht im Aus

Millimeter entschieden über den entscheidenden Treffer zu Japans 2:1-Sieg gegen Spanien, der auch der DFB-Elf wehtat. Der FIFA zufolge lief dabei alles korrekt ab.

Perspektive ist alles: Die strittigste Szene beim WM-Spiel Japan gegen Spanien.

Perspektive ist alles: Die strittigste Szene beim WM-Spiel Japan gegen Spanien.

Getty Images

Es gab solche und solche Screenshots am Tag danach, auf jeden Fall gab es reichlich davon. Nach Japans 2:1-Sieg gegen Spanien, der zu einer überraschenden Abschlusstabelle in der “deutschen” Gruppe E führte, blieb die große Frage, ob der entscheidende Treffer von Ao Tanaka regulär gewesen war oder nicht.

Der Angreifer von Zweitligist Fortuna Düsseldorf hatte zu Beginn der zweiten Hälfte eine Hereingabe von Kaoru Mitoma ins Netz gelenkt, bei der der Ball die Torauslinie womöglich schon in vollem Durchmesser überschritten hatte. Nach minutenlangem VAR-Check gab das Schiedsrichterteam um Victor Miguel Gomes den umjubelten Treffer schließlich.

“Andere Kameras können irreführende Bilder liefern”

Der FIFA zufolge lief dabei alles den Regeln entsprechend ab. “Japans zweites Tor beim 2:1-Sieg gegen Spanien wurde vom VAR überprüft, um festzustellen, ob der Ball aus dem Spiel war. Die Videoschiedsrichter prüften anhand der Bilder der Torlinienkamera, ob der Ball noch teilweise auf der Linie war oder nicht”, teilte der Weltverband am Freitagnachmittag via Twitter mit und zeigte dabei auch die von der Torlinienkamera aufgenommenen Videobilder.

“Andere Kameras können irreführende Bilder liefern, aber nach den vorliegenden Beweisen war der Ball nicht vollständig aus dem Spiel”, so die FIFA weiter. Das Problem für Gomes und seine Refereekollegen: Anders als bei der Torlinien- und Abseitstechnologie stehen für solche Fälle keine eigene 3D-Darstellungen zur Verfügung stehen.

Durch den Sieg nach frühem Rückstand feierte Japan nicht nur das zweite bemerkenswerte Comeback nach dem 2:1-Auftakterfolg gegen Deutschland, sondern auch den Gruppensieg vor Spanien. Tanaka, Mitoma & Co. bekommen es im WM-Achtelfinale nun mit Kroatien zu tun (Montag, 16 Uhr, LIVE! bei kicker). Die deutsche Nationalmannschaft musste sich dagegen verabschieden – auch weil Mitoma den Ball offenbar gerade noch rechtzeitig erwischt hatte.

3D-Technik fehlt: Hintergründe zum strittigen Japan-Tor

Dass Japan im WM-Achtelfinale steht, hat es auch einer Millimeter-Entscheidung gegen Spanien zu verdanken. Regelexperte Lutz Wagner ordnet die Szene ein.

Der Blick von oben fehlt: Ist dieser Ball vollständig im Toraus?

Der Blick von oben fehlt: Ist dieser Ball vollständig im Toraus?

AFP via Getty Images

Wenn die Entscheider beim DFB in den nächsten Tagen untersuchen, warum die deutsche Nationalmannschaft schon wieder bei einem großen Turnier früh gescheitert ist, sollten sie wahrlich genug Ansatzpunkte finden. Und trotzdem gehört zur Wahrheit nach einem turbulenten WM-Donnerstagabend: Es waren am Ende auch Millimeter, die das deutsche Aus in der Gruppenphase besiegelten.

Japan hatte schließlich im Parallelspiel gegen Spanien den 4:2-Erfolg der DFB-Auswahl gegen Costa Rica wertlos gemacht – mit einem 2:1-Sieg, dessen entscheidendes Tor durch den Düsseldorfer Ao Tanaka Gegenstand von Diskussionen und zahlreich erstellten Screenshots wurde. Die große Frage: Hatte der Ball die Torauslinie bereits vollständig überschritten, bevor ihn Vorbereiter Kaoru Mitoma nach innen schlug?

Weil den Schiedsrichtern und Video-Assistenten anders als bei der Torlinien- und Abseitstechnologie in solchen Fällen keine 3D-Darstellungen zur Verfügung stehen, gibt es keine 100-prozentige Gewissheit in dieser Frage – wobei einige Aufnahmen zumindest nahelegen, dass der Ball in seinem Durchmesser nicht gänzlich über der Linie war.

Wagner: Schiedsrichter-Team entschied nicht auf Toraus

Unklar war zunächst auch, ob Schiedsrichter Victor Miguel Gomes den Treffer zunächst aberkannt hatte oder nicht. Laut ARD-Regelexperte Lutz Wagner jedoch entschied das Schiedsrichter-Team um den Südafrikaner auf dem Rasen nicht auf Toraus und somit Abstoß für Spanien. Die Referees hätten lediglich den obligatorischen Tor-Check des VAR-Teams abgewartet. “Der VAR konnte anhand der Bilder nicht zweifelsfrei belegen, dass der Ball im Aus war. Somit blieb die Entscheidung auf dem Feld bestehen und das Tor zählte”, so Wagner.

Heißt auch: Hätte Gomes zunächst auf “kein Tor” entschieden, hätte der Videoassistent beweisen müssen, dass der Ball noch im Spiel war, um die Entscheidung zu revidieren.

Es war eine der längsten Überprüfungen bei dieser WM – mit späteren Folgen für drei Mannschaften: für Japan, das nun im Achtelfinale steht; für Spanien, das den Gruppensieg verpasste; und für Deutschland, das ausgeschieden ist. Wobei natürlich niemand weiß, ob Japan gegen Spanien nicht auch dann noch gewonnen hätte, wenn Tanakas Tor aberkannt worden wäre. Es lief schließlich erst die 51. Spielminute.

Luis Enrique: “Es waren Minuten der Panik”

Nichts zu feiern – Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique ist gar nicht glücklich über die Art und Weise des Achtelfinaleinzugs beim 1:2 gegen Japan.

Sah eine Demontage seiner Mannschaft: Luis Enrique.

Sah eine Demontage seiner Mannschaft: Luis Enrique.

FIFA via Getty Images

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

“Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich einen Herzinfarkt bekommen”, sagte Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique nach dem 1:2 gegen Japan und angesprochen auf die zwischenzeitliche Führung Costa Ricas im Parallelspiel gegen Deutschland. Er meinte es nicht als Scherz. Er hatte zuvor das zeitweise virtuelle Aus seiner Seleccion während des Spiels “gar nicht mitbekommen”, wie der Coach nach dem Weiterkommen im Khalifa International Stadium erklärte. Dennoch war er alles andere als erfreut über den Verlauf des Abends.

Gruppenfinale

Der 52-Jährige betonte: “Ich bin nicht glücklich, obwohl wir uns qualifiziert haben. Japan hat uns in wenigen Minuten komplett demontiert.” Und mehr noch: “Wir sind zusammengebrochen, und wenn sie noch zwei Tore hätten erzielen müssen, dann hätten sie dies auch getan.”

Japan “wie ein Flugzeug”

Luis Enrique fällte kein gutes Urteil über seine Mannschaft, die vor der Pause zunächst leichtes Spiel gehabt hatte und durch Alvaro Morata, den Torschützen aus dem Deutschland-Spiel, in Führung gegangen war. Dann aber verpasste es sein Team, diese gegen vor dem Wechsel passive Japaner auszubauen.

Nach dem Seitenwechsel dann ein völlig anderes Bild: Einwechselspieler Ritsu Doan brachte die Wende, der Freiburger traf in der 48. Minute zum 1:1 und war nur Minuten später in der Entstehung des 2:1 durch den Düsseldorfer Ao Tanaka entscheidend. Ob der Ball zuvor im Aus war, hatte der Coach nicht gesehen. Er glaube jedoch der Technologie.

“Es waren Minuten der Panik”, gab Luis Enrique zu mit Blick auf die entscheidende Phase. “Wenn eine Mannschaft wie Japan nichts zu verlieren hat, fliegt sie wie ein Flugzeug.” Und: “Japan ist verdientermaßen Gruppensieger.”

Mit Pau und Balde wackliger

Dass die Niederlage den diversen Wechseln zu den vorherigen beiden Spielen geschuldet sei, wollte der Coach nicht als Grund anführen. Er habe in alle seine Spieler Vertrauen. Aber ja, mit dem Wissen um das Ergebnis würde er im Nachhinein vielleicht eine andere Formation wählen. Die Hereinnahme von Pau und Alex Balde für Aymeric Laporte und Jordi Alba trug jedenfalls nicht zu defensiver Stabilität bei.

Doch auch ein Stammspieler wie Rodrigo waren nicht auf der Höhe des Geschehens, das Barça-Mittelfeld aus Kapitän Sergio Busquets und den Toptalenten Gavi und Pedro war diesmal eine reine Enttäuschung, auch der Leipziger Dani Olmo konnte nicht überzeugen.

Zudem sei man mit dem “aggressiven Verteidigen” des Gegners nach dessen Führung nicht zurechtgekommen. “Wir haben alles vermissen lassen”, attestierte Luis Enrique seiner Roja, die letztlich nur im ersten Gruppenspiel beim 7:0 gegen Costa Rica eine Furie war, wie ihr Spitzname sagt. Wichtig war ihm aber nochmal: “Ich habe vollstes Vertrauen in meine Spieler, einige Minuten Panik werden dies nicht zerstören.”

Und mit Blick auf das Achtelfinale am Dienstag gegen Marokko: “Wir sind qualifiziert, wenn auch nicht so, wie wir wollten.” Auch gegen die Nordafrikaner müsse man sich auf ein Spiel wie gegen Japan einstellen. “Marokko hat eine starke Gruppe gewonnen. Also müssen wir uns gut vorbereiten.” Und vor allem: “Wir müssen uns verbessern.”

FIFA vermeldet weltweite TV-Rekorde – Hype in Portugal

Die FIFA hat am Donnerstag einen Überblick über verschiedenste weltweite TV-Rekorde gegeben. In Portugal scheint der Hype besonders groß zu sein.

Hoffen und Bangen bei der WM: Die Euphorie in Portugal, Japan und den Niederlanden ist groß.

Hoffen und Bangen bei der WM: Die Euphorie in Portugal, Japan und den Niederlanden ist groß.

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Eine WM im Winter – und keiner schaut hin? Das hatten so mancher Fußballfan in Deutschland vor dem Turnier in Katar erwartet. Und tatsächlich fallen die deutschen TV-Zahlen bislang zuweilen enttäuschend aus. Weswegen sie vielleicht auch in der von der FIFA verbreiteten Meldung gespickt mit TV-Rekorden fehlen.

Der Hype bei DFB-Gegner Japan ist groß. Das am Ende überraschend verlorene Gruppenspiel gegen Costa Rica (0:1) sahen in der Heimat durchschnittlich 36,37 Millionen Zuschauer. Dies übertraf die Zahlen beim sensationellen Sieg gegen Deutschland um über 10 Millionen und war damit um 74 Prozent höher als die durchschnittliche Zuschauerzahl japanischer Gruppenspiele bei der WM 2018.

In Spanien war der Run auf den Vergleich mit Deutschland groß: Die Übertragung des zweiten Gruppenspiels (1:1) erreichte einen Marktanteil von 65 Prozent. Die 11,9 Millionen Zuschauer übertrafen alle Gruppenspiele von vor vier Jahren.

Meistgesehene TV-Übertragung in den Niederlanden

In Südkorea verfolgten 11,14 Millionen Menschen das Auftaktspiel gegen Uruguay. Die Zahl an TV-Zuschauern stieg damit im Vergleich zum Durchschnitt der WM-Gruppenspiele 2014 um 97 Prozent, im Vergleich zu Russland immerhin um 18 Prozent. Auch in den Niederlanden waren die Fans heiß auf die WM. 76,6 Prozent aller Fernsehzuschauer sahen das 1:1 gegen Ecuador – die meistgesehene TV-Übertragung des Landes im Jahr 2022.

In der Hoffnung auf den ersten WM-Titel für Cristiano Ronaldo fieberten in Portugal beim Gruppenspiel gegen Uruguay (2:0) so viele TV-Zuschauer wie noch nie zuvor bei einem WM-Spiel mit. Insgesamt verfolgten 5,35 Millionen Zuschauer mindestens eine Minute der Berichterstattung. Der Marktanteil lag bei 69,5  Prozent. Über 80 Prozent der Portugiesen haben während der WM mindestens eine Minute des Turniers verfolgt.

Über 80 Prozent sehen Argentinien-Mexiko

Auch in den USA wächst das Interesse am Fußball stetig. Die Partie gegen England (0:0), das Mutterland des Fußballs, war mit 19,65 Millionen Zuschauern bei FOX das meistgesehene Männer-Fußballspiel bislang im US-Fernsehen. In Kanada verfolgten 4,33 Millionen TV-Zuschauer das Duell mit Kroatien bei einem Marktanteil von 68,7 Prozent.

In Argentinien war der Hype auf das WM-Spiel gegen Mexiko derweil besonders groß, das Land stand regelrecht still. Durchschnittlich verfolgten 8,48 Millionen Zuschauer die Partie bei einem überragenden Marktanteil von 81,3 Prozent. Die Zahlen überstiegen das Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien (1:2) um fünf Prozent und jedes Gruppenspiel der WM 2018.