Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

Die deutsche Nationalmannschaft ist wie bei der WM 2018 nach der Gruppenphase ausgeschieden. Was bleibt nun für Hansi Flick (57) zu tun? Die WM-Kolumne von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

kicker

Schon wieder raus. Schon wieder nach drei Spielen. Es ist also eine Selbstverständlichkeit, dass nun eine sofortige und schonungslose Analyse erfolgen muss. Und zwar auf allen Ebenen. Am besten fängt man da immer bei sich selbst an.

An der Zusammenstellung des Kaders lag es nicht. 26 Mitglieder in einem Turnierensemble sind aber zu viele, es eskaliert der Grad der Unzufriedenheit bei denen, die im Grunde keine Aussicht auf einen Einsatz oder allenfalls eine auf einen kurzen haben. Die zuvor diskutierte Nichtnominierung des 2014er Weltmeisters Mats Hummels war richtig und während der WM-Tour kein Thema. Die personellen Entscheidungen während des Turniers sind diskutabel, insbesondere nach einem Spiel, wenn der Effekt einer Ein- und Auswechslung ausbleibt.

Aber einem Leon Goretzka mit seiner Klasse sollte man schon zutrauen, selbst einen starken Ilkay Gündogan zu ersetzen. Niclas Füllkrug wäre gegen Costa Rica mit Sicherheit die bessere Wahl für die Sturmmitte gewesen. Joshua Kimmichs Positionierung rechts außen in der Viererkette machte Sinn, weil damit beide Außenverteidiger im Wechsel offensiv werden konnten. Flankengeber waren damit vorhanden, so dass der Seitentausch – Gnabry nach links und Sané nach rechts – erfolgte, damit beide nach innen ziehen und mit ihrem starken Fuß schießen konnten. Gnabry zielte kurz vor der Pause um Zentimeter an der langen Ecke des gegnerischen Tores vorbei, Sané leider zweimal hoch drüber.

Zu zaghaft war die Formulierung des Zieles gegen Costa Rica. Statt zuallererst einen Sieg anzupeilen und diplomatisch den Respekt vor dieser eigentlich schwachen Mannschaft aus Costa Rica auszusprechen, hätte ein Sieg so hoch wie möglich deutlich und laut formuliert werden müssen, um die Spieler von der ersten Minute an auf Torabschlüsse zu fokussieren und auch den Gegner psychologisch zu beeindrucken. Respekt hätte man ihm trotzdem zollen können. In der letzten halben Stunde, als es um alles ging, rollte die Lawine. Da wurde deutlich, was möglich gewesen wäre, mit permanentem Druck im Spiel nach vorne und sofortigem Gegenpressing, das nicht oder viel zu lasch praktiziert wurde.

Die DFB-Spiele bei der WM in Katar

Die eigentlich vorgegebene Intensität muss künftig über 90 Minuten gelingen. Es wird nicht mehr reichen, eine Halbzeit lang oder sporadisch alles von sich zu fordern. Auch die ständigen Freiräume in der Defensive müssen abgeschirmt werden. Irgendwann muss es die Mannschaft kapieren. Der Kuschelkurs wird vorbei sein, allein über die harmonische Schiene werden keine Erfolge eingefahren. Für Niklas Süle, Serge Gnabry und Leroy Sané darf es nicht mehr reichen, ihre großen Fähigkeiten nach Lust und Laune vorzutragen und dann wieder vor sich hin zu schlampen. Wenn die jetzt mittlere Generation in ihrer Karriere auch mit der Nationalmannschaft Titel gewinnen will, muss sie schleunigst damit anfangen.

Neuer darf weitermachen – weil kein besserer Keeper in Sicht ist

Ohnehin ist jede Personalie und Person zu hinterfragen, selbst im Tor, wo Manuel Neuer die unumstrittene Nummer 1 war. Der Kapitän will weitermachen, bitte, sehr gerne, weil weiterhin kein deutscher Keeper besser ist als er. Aber es wird für die EM 2024 auch auf dieser Position der Konkurrenzkampf ausgerufen. Sonst erstarrt der Ehrgeiz der anderen Schlussmänner in Lethargie. Sollten zwei andere Routiniers, Thomas Müller (33) und Ilkay Gündogan (32), ihre DFB-Karriere beenden wollen – wie es Müller für sich andeutete -, muss mit ihnen offen über ihre Aussichten gesprochen werden. Jamal Musiala, Kai Havertz und bald Florian Wirtz drängen fest auf deren Planstellen.

Den gestarteten Aufbruch zurück in die Weltspitze hat das Jahr 2022 gebremst

Havertz muss dazu aber seine besonderen Fähigkeiten nonstop nutzen und aus seinem Hochbegabtenschlummer aufwachen . Rechts in der Außenverteidigung muss sich Lukas Klostermann etablieren, links David Raum, der insbesondere sein taktisches Verhalten (Defensive, Stellungsspiel) schulen muss. Ein Lernprozess steht genauso Nico Schlotterbeck, Karim Adeyemi, Youssoufa Moukoko und Armel Balla Kotchap bevor.

Die große Auswahl für die Außenverteidigung besteht nicht, für die andere Problemzone in der Angriffsmitte hat sich Füllkrug mit drei Toren in den vier Spielen am Golf empfohlen. Obwohl er als schon 29-jähriger Debütant eine überschaubare Zukunft vor sich hat, kann er der Mannschaft bei der EM 2024 und vielleicht auch bei der WM 2026 helfen.

Den im August 2021 gestarteten Aufbruch zurück in die Weltspitze hat nach gutem Start das Jahr 2022 mit der krassen Enttäuschung bei der WM und dem vorherigen Zickzackkurs gebremst. Vier Siege, sechs Unentscheiden und zwei Niederlagen ergeben eine dünne Bilanz. Die Partien vor der WM und die durchwachsenen Leistungen in der Nations League hätten als Warnzeichen interpretiert werden müssen. Ist die Qualität dieser Mannschaft doch nicht so toll? Oder noch nicht?

Mit Blick auf die Heim-EM in anderthalb Jahren bleibt der Auftrag in jedem Fall spannend, das Potenzial dieser Mannschaft komplett auszuschöpfen. Zur Klasse gehören auch Konstanz und Konsequenz im Umgang mit der eigenen Kompetenz. Misslingt dieser Nachweis, fehlt eben die Klasse. Mit diesen Spielern das Gegenteil zu beweisen, bleibt eine interessante Herausforderung.

Ein Rücktritt vor dem Vertragsende nach der EM 2024 kommt also nicht infrage.

Kroos: “Kleinigkeiten haben gereicht, uns aus der Fassung zu bringen”

Die deutsche Nationalmannschaft ist erneut nach der Gruppenphase einer WM gescheitert. Einer, der das kennt, ist Toni Kroos. Der Ex-Nationalspieler blickt auf das Aus in Katar. 

Fordert eine klare erste Elf: Toni Kroos.

Fordert eine klare erste Elf: Toni Kroos.

IMAGO/NurPhoto

Nach der Europameisterschaft 2021 samt bitterem Achtelfinal-Aus gegen England hat Toni Kroos Anfang Juli letzten Jahres seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet. Seitdem verfolgt er die Länderspiele der DFB-Elf als Fan, genau wie jetzt in Katar. “Ich habe das jetzt noch als halber Aktiver erlebt”, gibt der 106-malige Nationalspieler am Freitag bei “MagentaTV” zu. 

Der Mittelfeldmann von Real fügte an: “Ich kenne die Jungs, habe bis zum letzten Jahr mit ihnen gespielt, saß vor gut vier Jahren auch nach einem Aus in der WM-Vorrunde da. Deswegen konnte ich sehr mitfühlen. Ich war auch sehr enttäuscht, denn ich habe absolut gute Möglichkeiten gesehen für Deutschland bei der WM.”

In der Analyse über das WM-Aus wurde natürlich auch mit Kroos besprochen, woran es gelegen hat, dass die deutsche Mannschaft erneut enttäuschend in der Gruppenphase scheiterte. “Wir sehen gerade auch bei anderen Mannschaften, wie wichtig eine Eingespieltheit ist, gerade in Momenten, in denen es schwierig ist”, liefert der 32-Jährige einen Ansatz. “Wir sprechen zum Beispiel von Phasen wie den letzten 20 Minuten gegen Japan. Kleinigkeiten haben ausgereicht, um uns aus der Fassung zu bringen als Mannschaft. Wenn du eingespielt bist, gibt dir das Sicherheit. Es bringt Automatismen.”

Kroos’ klare Forderung in Richtung EM 2024

Zusammengefasst also: “Wir haben keine feste erste Elf, die gut eingespielt ist – offensiv wie defensiv.” Die Vorbereitung auf das Turnier sei kurz gewesen, doch das galt für alle Teams. Während der WM habe Bundestrainer Hansi Flick immer wieder etwas versucht. Einzelne Spieler, die nicht dabei waren, wie beispielsweise ein Mats Hummels, wollte Kroos nicht diskutieren und als Ausrede zählen lassen: “Mit dem Kader müssen wir die Gruppenphase überstehen. Wenn dieser Kader im Viertelfinale gegen Brasilien ausscheidet, dann okay. Aber die Gruppe muss überstanden werden.”

Beim DFB werden sich in den nächsten Tagen und Wochen einige Fragen gestellt, auch Personalien dürften diskutiert werden. Und dann braucht es einen klaren Plan, um sich perfekt auf die Heim-EM 2024 vorzubereiten. “Was eine Hauptaufgabe in Richtung nächstes Turnier ab dem nächsten Länderspiel ist, ist, dass wir irgendwann mal wirklich sagen müssen, wir haben eine klare erste Elf, oder wenigstens erste 13 oder 14. Dass wir dann so viele Spiele wie möglich mit der Mannschaft spielen”, fordert Kroos und merkt an: “Dann spielt die Mannschaft schlecht, dann spielt sie wieder. Wir müssen eine Formation finden, unabhängig der Namen.”

Flick, Bierhoff … Klopp? Welche Konsequenzen muss der DFB ziehen?

Was geht, WM? – Folge 5 02.12.2022

Flick, Bierhoff … Klopp? Welche Konsequenzen muss der DFB ziehen?

21:44Welche Folgen muss das WM-Aus Deutschlands in der Gruppenphase beim DFB haben? Moderatorin Lena Cassel und kicker-Chefreporter Carlo Wild sehen die Zeit von Direktor Oliver Bierhoff am Ende – und auch der Name Jürgen Klopp als möglicher Bundestrainer im Falle einer Demission von Hansi Flick fällt …

Heikle Testreihe: So geht es für die DFB-Elf weiter

Erst in eineinhalb Jahren wird die deutsche Nationalmannschaft nach dem WM-Aus wieder ein Pflichtspiel bestreiten. Was passiert dazwischen? Ein kurzer Überblick.

Die WM ist schon wieder vorbei - das nächste Pflichtspiel steigt erst 2024: Jamal Musiala (li.) und Joshua Kimmich.

Die WM ist schon wieder vorbei – das nächste Pflichtspiel steigt erst 2024: Jamal Musiala (li.) und Joshua Kimmich.

IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Für das nächste Länderspiel hat der DFB noch kein einziges Ticket verkauft. Das liegt allerdings nicht daran, dass die deutsche Nationalmannschaft ihre Fans bei der WM 2022 einmal mehr enttäuschte, sondern hat einen ganz einfachen Grund: Wann, wo und gegen wen die DFB-Auswahl als nächstes spielt, ist schlichtweg noch offen.

Auf die Nationalelf kommt eine heikle Phase zu. Während sich andere europäische Nationen in der Qualifikation zur EM 2024 und vier von ihnen zusätzlich im Final Four der Nations League messen, stehen für Deutschland 2023 ausschließlich Testspiele auf dem Programm. Das nächste Pflichtspiel bestreitet die DFB-Elf erst am 14. Juni 2024 – bei der Eröffnung der Heim-EM in München.

Sechs Länderspielfenster – nur Testspiele

Diese eineinhalb Jahre ohne Wettbewerbsdruck bieten dem deutschen Trainerteam zwar reichlich Möglichkeiten, um Dinge auszuprobieren. Doch es gibt einen Grund, warum Hansi Flick die Qualifikation für die Nations-League-Endrunde so vehement (und vergeblich) gefordert hatte, und der mögliche Titel in diesem jungen Wettbewerb ist es nicht unbedingt. Vielmehr wäre es die einzige Möglichkeit gewesen, sich vor der EM noch einmal auf höchstem Niveau unter Wettkampfbedingungen zu messen.

Stattdessen bestreiten Gastgeber Niederlande, Kroatien, Italien und Spanien das Final Four im Juni 2023 und fallen damit automatisch auch als mögliche deutsche Testspielgegner aus. Darüber hinaus kommen etwa auch Duelle mit Portugal oder der Schweiz nicht infrage, weil diese in der EM-Qualifikation in einer der Sechsergruppen landeten und damit ebenfalls keinen Raum mehr im Terminkalender haben.

Das größte Highlight findet in Hamburg statt

Deutschland wird bis zur EM in den sechs Länderspielfenstern im März (20.-28.3.), Juni (12.-20.6.), September (4.-12.9.), Oktober (9.-17.10.), November 2023 (13.-21.11.) sowie März 2024 (18.-26.3.) voraussichtlich jeweils zwei Testspiele bestreiten und kann dabei auch nicht-europäische Gegner auswählen. “Doch Freundschaftsspiele können meiner Meinung nach einen Wettbewerb nicht ersetzen”, gibt etwa kicker-WM-Kolumnist Andreas Möller zu bedenken.

Bis Ende März hat der DFB nun erst einmal Zeit, sich neu zu sortieren. Spielorte und Gegner für die nächsten Länderspiele dürfte er demnächst bekanntgeben. Während für die Frauen-Nationalelf vom 20. Juli bis 20. August 2023 die WM in Australien und Neuseeland ansteht, findet das größte Highlight für die Männer im kommenden Jahr wohl in der Hamburger Elbphilharmonie statt: Dort werden am 2. Dezember die EM-Gruppen ausgelost.

Zehn Gründe fürs deutsche Scheitern in Katar

Zum zweiten Mal in Serie ist Deutschland bereits in der Gruppenphase einer Weltmeisterschaft gescheitert. Der kicker benennt die zehn wichtigsten Gründe für das frühe Ausscheiden des DFB-Teams.

Binde, Musiala, Flick: Die Gründe für das Scheitern in Katar waren vielfältig.

Binde, Musiala, Flick: Die Gründe für das Scheitern in Katar waren vielfältig.

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Aus Katar berichten Matthias Dersch, Oliver Hartmann und Karlheinz Wild

Die Gruppenphase der Weltmeisterschaft in Katar ist noch gar nicht beendet, da hat die deutsche Mannschaft das Gastgeberland bereits wieder verlassen. Nach dem letztlich bedeutungslosen 4:2-Sieg über Costa Rica am Donnerstagabend machte sich der DFB-Tross am Freitagmittag auf den Heimweg nach Frankfurt.

Präsident Bernd Neuendorf kündigte noch am Flughafen in Doha für die kommenden Tage eine umfassende Analyse des deutschen Scheiterns ins Katar an. Der kicker nennt die zehn wichtigsten Gründe für das trostlose Auftreten und enttäuschende Abschneiden der Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick.

1. Die Effizienz

Mehr als 60 Mal schoss das deutsche Team in den drei Gruppenspielen gegen Japan, Spanien und Costa Rica auf das gegnerische Tor. Bei keinem Team lag der “Expected Goal”-Wert in der Gruppenphase höher. Daraus entsprangen jedoch nur sechs Tore – und diese vergleichsweise niedrige Quote sorgte für handfeste Probleme: Anstatt gegen Japan frühzeitig die 1:0-Führung auszubauen oder gegen Costa Rica bereits in der ersten Hälfte Druck auf den Fernduellanten Spanien aufzubauen, ließ die DFB-Elf ihre Kontrahenten am Leben – und wurde dafür in beiden Spielen bestraft. Auch gegen Spanien ließ man in der Schlussphase die Chance zum Siegtreffer ungenutzt.

2. Die Anfälligkeit

Die fehlende Effizienz im Abschluss fiel in Katar umso stärker ins Gewicht, da sich die Defensive erneut als extrem anfällig erwies: Fünf Gegentore in drei Partien sind viel zu viel für ein Team, das sich als Ziel mindestens das Halbfinale gesetzt hatte. Die Außenbahnen erwiesen sich als anfällig – obwohl Flick alles versuchte und gegen Costa Rica erstmals in seiner Amtszeit Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger aufbot.

Doch weder er noch die Innenverteidigung um Abwehrchef Antonio Rüdiger sorgten für die nötige Stabilität. Dass Manuel Neuer – üblicherweise ein starker Rückhalt – speziell beim zweiten Gegentor gegen Costa Rica nicht gut aussah, passte ins schwache Bild, das die DFB-Abwehr in diesem Turnier abgab. Neu hingegen war dieser Trend nicht: In den vergangenen elf Turnierspielen kassierte Deutschland immer mindestens ein Gegentor und geriet im Laufe der Partien immer in Rückstand. Ein Manko, das Flick nicht abstellen konnte.

3. Die Treue

Mit dem FC Bayern gewann Flick in der Saison 2020/21 sechs Titel – und das Gerüst dieser absoluten Siegermannschaft bestand aus deutschen Nationalspielern. Dass der Bundestrainer Spielern wie Neuer, Kimmich, Leon Goretzka oder Thomas Müller blind vertraut, ist per sé nichts Schlechtes. Doch Flick handelte deutlich zu treu, als er auch im dritten Gruppenspiel den bis dahin in der Offensive blassen Müller als “falschen Neuner” nicht durch den nach seinem Ausgleich gegen Spanien beflügelten echten Mittelstürmer Niclas Füllkrug ersetzte. Denn der vor dem Turnier wochenlang verletzte Müller war diesmal nicht in der Lage, das Vertrauen adäquat zurückzugeben.

4. Die Kompromisse

Auf dem Papier liest es sich gut, wenn für das zentrale Mittelfeld drei erwiesene Fachkräfte wie Kimmich, Goretzka und Ilkay Gündogan zur Verfügung stehen. In der Realität aber schuf diese Konstellation Probleme: Gegen Spanien hatte es Sinn gemacht, alle drei aufzustellen, um gegen die passsichere Ballbesitzmannschaft das Zentrum zu verdichten. Gegen Costa Rica aber scheute sich Flick vor der schwierigen Entscheidung, Goretzka oder Gündogan auf die Bank zu setzen. Stattdessen verschob er Kimmich auf die ungeliebte Außenbahn – und korrigierte sich zur Pause wieder. Da jedoch war es bereits zu spät.

5. Die Führung

Eine Mannschaft lebt von ihrer Achse – und eigentlich stand sie zumindest in der Hintermannschaft beim DFB-Team auch: Neuer im Tor, davor Rüdiger als Abwehrchef, Kimmich als Organisator davor. Durch die zahlreichen Personalwechsel – Kimmich von der Sechs nach rechts, Gündogan auf die Acht, Zehn und Sechs, Musiala auf den Flügel und dann ins Zentrum – jedoch konnte sich die Achse nicht etablieren.

Überhaupt ließ es die Mannschaft an innerer Führung vermissen. So gelang es weder Kimmich noch Goretzka noch Müller das Team auf dem Platz mitzureißen. Einzig Rüdiger lebte das Feuer vor – spielte jedoch selbst nicht fehlerfrei.

6. Die Qualität

Das dritte schwache Turnierabschneiden in Serie nach der WM 2018 und der EM 2021 spricht eine deutliche Sprache: Die Qualität im deutschen Kader ist nicht mehr so hoch, wie sie bei der WM 2014 noch war. Es fehlt seit Jahren vor allem an Außenverteidigern und Mittelstürmern von internationalem Format. Ein Manko, das nicht allzu schnell zu beheben ist. Bezeichnend ist zudem, dass Jamal Musiala – das unbestritten größte Talent im DFB-Team – in England ausgebildet wurde und nicht in Deutschland.

7. Die Vorbereitung

Es blieb kaum Zeit im Vorfeld dieser WM, die ausnahmsweise im europäischen Winter – und damit mitten in der Bundesliga-Saison anstand. Umso gravierender war die Fehleinschätzung, sich ein Akklimatisierungscamp im Oman leisten zu können. Anstatt die wenigen Tage bis zum Turnierstart für ein gezieltes Training der Schwachstellen zu nutzen, wurde die Zeit regelrecht vertrödelt. Inklusive des Testspiels gegen den gastgebenden Oman (1:0), das fatalerweise nicht als Generalprobe genutzt wurde, sondern zur Belastungssteuerung für Rekonvaleszenten und Profis mit Trainingsrückstand.

8. Das Quartier

Das Zulal Wellness Resort im Norden Katars war ganz nach dem Geschmack von Bierhoff und Flick: Fern ab vom Schuss konnte man in der Einsamkeit der katarischen Wüste unbehelligt logieren. Einzig die Familien waren als Gäste erwünscht – und kamen nach den ersten beiden Gruppenspielen jeweils für gleich zwei Nächte. Die Unterbringung weit weg von Doha, dem Epizentrum dieser Weltmeisterschaft, führte nicht nur zu logistischen Schwierigkeiten bei den Pressekonferenzen an den Tagen vor dem zweiten und dritten Gruppenspiel. Sie sorgte augenscheinlich auch dafür, dass innerhalb der abgeschirmten Gruppe nicht dieser WM-Spirit entstehen konnte, der sich auf dem Platz in einem entschlossenen Wir-Gefühl entlädt.

9. Die Binde

Im September hatte der DFB gemeinsam mit sieben anderen europäischen Verbänden bekanntgegeben, in Katar mit einer “One Love”-Kapitänsbinde aufzulaufen. Doch anstatt sich die Binde im Vorfeld genehmigen zu lassen, rannte man sehenden Auges in Katar in die Falle: Die FIFA setzte kurz vor dem ersten Spiel der Engländer ein Exempel und verbot die Binde.

Die Verbände gaben angesichts diffuser Drohungen klein bei. Es folgte ein Aufschrei der Entrüstung in der Heimat, der die unmittelbare sportliche Vorbereitung überlagerte – und auch teamintern zu Verstimmungen führte. Unterm Strich war der Umgang mit der Binde ein miserables Management und sorgte für Unruhe und Spannungen innerhalb der Mannschaft.

10. Die Entfremdung

Bei der WM 2014 war das DFB-Team noch von einer Welle der Begeisterung zum Titel getragen worden. Je weiter die deutsche Mannschaft kam, desto mehr Menschen strömten auf die Fanmeilen, die quer durch die Republik zum Public Viewing einluden. Die bunten Bilder der jubelnden Massen liefen wiederum auf den Fernsehern im Campo Bahia – und sorgten dafür, dass Mannschaft und Fans eine Einheit bildeten.

Und dieses Jahr? Die generelle Abneigung gegen das Austragungsland Katar, die FIFA und auch die von den deutschen Fans inzwischen weitgehend entfremdete Nationalmannschaft äußerte sich in niedrigen TV-Quoten. Fanfeste waren angesichts der Jahreszeit und des geringen Fan-Interesses erst gar nicht angesetzt worden. Innerhalb des DFB-Teams führte das zu dem latenten Gefühl, dass ein Scheitern in der Heimat fast schon erwünscht sei. Eine Jetzt-erst-recht-Haltung aber entsprang daraus nicht.

DFB-Hattrick unwahrscheinlich: Der neue WM-Modus ab 2026

Bei der WM 2026 will die deutsche Nationalmannschaft nicht schon wieder in der Gruppenphase scheitern. Der Modus dürfte ihr da entgegenkommen.

Schon wieder früh raus: Die deutschen Nationalspieler am Donnerstag beim Spiel gegen Costa Rica. 

Schon wieder früh raus: Die deutschen Nationalspieler am Donnerstag beim Spiel gegen Costa Rica. 

IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Welche Folgen hat das bittere Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2022? Wie geht es weiter mit Bundestrainer Hansi Flick und DFB-Direktor Oliver Bierhoff? Und was heißt das alles mit Blick auf die Heim-EM, die schon in eineinhalb Jahren beginnt?

Der DFB hat in nächster Zeit viele unangenehme Fragen zu klären. Dabei dürfte ein Thema nur eine untergeordnete Rolle spielen: die nächste WM. Zwei Jahre nach der EURO 2024 wird in den USA, Kanada und Mexiko der Nachfolger des Weltmeisters 2022 gesucht – in einem völlig neuen sportlichen Rahmen, der ein Scheitern in der Gruppenhase unwahrscheinlicher machen dürfte.

Erstmals werden dann 48 Mannschaften am Turnier teilnehmen und damit satte 16 mehr als zuletzt. Diese vor allem in Europa umstrittene Aufstockung wird den Modus grundlegend verändern. Erwartet wird, dass es ab 2026 16 Dreiergruppen geben wird, in denen sich jeweils die beiden Bestplatzierten für das neue Sechzehntelfinale qualifizieren, das dem Achtelfinale vorgeschaltet ist. Dann gäbe es insgesamt 80 statt 64 WM-Spiele, wobei der Gewinner am Ende dennoch nur sieben Partien absolviert hätte.

Elfmeterschießen in der Gruppenphase? Und schon vor dem Anpfiff?

Die FIFA hat den Modus noch nicht final bestätigt. Spekuliert wird sogar über weitere bahnbrechende Neuerungen. Weil Dreiergruppen das Risiko erhöhen, dass alle Teams am Ende punkt- und torgleich sind und dass sich zwei Kontrahenten, die am letzten Spieltag direkt aufeinandertreffen, auf ein Ergebnis “einigen” könnten, berichtet unter anderem “The Athletic” von Überlegungen bei der FIFA, nach jedem Remis in der Gruppenphase ein Elfmeterschießen folgen zu lassen und mit einem Bonuspunkt zu belohnen.

Mehr noch: Dieses Elfmeterschießen könnte sogar schon vor dem Anpfiff stattfinden, um die Gefahr möglicher Absprachen zwischen den Teams noch weiter einzudämmen. Wie die Änderungen am Ende im Detail auch aussehen werden: Die deutsche Mannschaft sollte gute Chancen haben, den unliebsamen Hattrick eines weiteren Ausscheidens in der WM-Gruppenphase zu vermeiden.

Denn: In jeder der drei Gruppen sollte sich tendenziell schließlich eine Nation befinden, die zuletzt nicht qualifiziert war, ein vermeintlich krasser Außenseiter also, den man “nur” hinter sich lassen müsste, um in die K.-o.-Runde einzuziehen. Und: Bei WM-Turnieren hat Deutschland bislang jedes Elfmeterschießen gewonnen (vier von vier).

Umfrage: Sollen Flick und Bierhoff beim DFB im Amt bleiben?

Die deutsche Nationalmannschaft hat sich am Donnerstagabend bereits nach der Gruppenphase von der Winter-WM in Katar verabschiedet. Was passiert nun mit Hansi Flick und Oliver Bierhoff?

Er steht in der Kritik: Bundestrainer Hansi Flick.

Er steht in der Kritik: Bundestrainer Hansi Flick.

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Der “Worst Case” ist eingetreten. Die deutsche Nationalmannschaft muss bereits nach drei Gruppenspielen die Heimreise antreten. In Gruppe E landete die DFB-Elf mit vier Punkten lediglich vor Costa Rica. Japan (6 Zähler) und Spanien (4, aber das um fünf Treffer bessere Torverhältnis) stehen im WM-Achtelfinale. Ein “Weiter so” darf es nicht geben. Doch was bedeutet das frühe WM-Aus für Hansi Flick?

Wie würden Sie als DFB-Verantwortlicher entscheiden?

Weil aber wirklich alles auf den Prüfstand kommt, muss auch über Oliver Bierhoff gesprochen werden. Ab 29. Juli 2004 war Bierhoff Manager der Nationalmannschaft, ab 2018 Direktor Nationalmannschaften und Akademie und seit 2022 Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme!

Frappart und das größte Kompliment beim historischen Debüt

Stephanie Frappart pfiff am Donnerstagabend beim Duell zwischen Deutschland und Costa Rica als erste Frau ein WM-Endrundenspiel der Männer – und erreichte das, was sich alle Referees erträumen.

Klare Ansage: Stephanie Frappart, hier mit Leon Goretzka.

Klare Ansage: Stephanie Frappart, hier mit Leon Goretzka.

IMAGO/Sven Simon

Mit einem ersten wichtigen Schritt hat Stephanie Frappart den Weg für Hauptschiedsrichterinnen bei großen Männer-Turnieren geebnet. Die erfahrene Französin (52 Ligue-1-Partien, französisches Pokalfinale 2022, sechs Länderspiele, zwölfmal Europacup, davon zweimal Champions League im Männer-Bereich) zeigte beim brisanten und vom Verlauf her wilden Spiel der Gruppe E, das letztlich das deutsche WM-Aus besiegelte, eine gute Spielleitung (kicker-Note 2,5).

Nachvollziehbare Nervosität offenbarte zunächst nur die mexikanische Assistentin Karen Diaz Medina. In der ersten Halbzeit verpasste sie es, einen klaren Eckstoß für Deutschland anzuzeigen, als Keylor Navas mit dem Ball deutlich die Torauslinie überquert hatte (18.). Später unterband sie eine deutsche Offensivaktion mit einer falschen Abseitsentscheidung (Müller/Musiala, 41.). Kleinere Fehler, die in Spielen allerdings immer mal wieder vorkommen.

Diaz Medina war eine von drei weiteren Frauen in Frapparts Team. Neuza Back (Brasilien) assistierte an der anderen Seitenlinie, Kathryn Nesbitt (USA) gehörte der VAR-Crew um den Kanadier Drew Fischer (Kanada) an. Das gesamte Unparteiischen-Ensemble konnte sich über eine gelungene Leistung freuen.

Knifflige Zweikampfszene mit Musiala

Frappart hatte nur eine besonders knifflige Zweikampfszene zu beurteilen. In der 36. Minute hätte man beim Duell Musiala/Borges bei strenger Regelauslegung zwar auch auf Strafstoß entscheiden können, da der hinterhergrätschende Borges DFB-Jungstar Musiala am Fuß traf. Es war jedoch genauso vertretbar, das Spiel weiterlaufen zu lassen, weil Musiala noch eine komplette Schussbewegung ausführen konnte und man den Kontakt als nicht ausreichend für ein Foulspiel werten kann.

Die Entscheidung passte jedenfalls in Frapparts eher großzügige Linie. Nach Abpfiff überlagerte das erneute deutsche WM-Aus zwar die Premiere an der Pfeife, die die frühere Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb im Vorfeld als “Meilenstein in der Geschichte der Schiedsrichterinnen” gewürdigt hatte. Auch deshalb nahm bereits in der Nacht und spätestens am Freitagvormittag allerdings ein Kompliment für Frappart Formen an, das sich jeder Referee erträumt und anstrebt: Es redete schlicht niemand über die Unparteiischen.

Carsten Schröter-Lorenz

Alle möglichst bequem und gleich gestellt – das erzeugt keine Energie

Enttäuschung pur, aber kam dieses erneute frühzeitige Aus der deutschen Nationalelf wirklich überraschend? Die WM-Kolumne von Welt- und Europameister Andreas Möller.

WM-Kolumne von Weltmeister Andreas Möller.

WM-Kolumne von Weltmeister Andreas Möller.

kicker

Die Probleme der Nationalmannschaft sind nicht erst seit heute bekannt. Deutschland verkörpert seit acht Jahren nicht mehr Weltklasse, steht heute eher schon für 1 C statt 1 A. 2018 und 2022 WM-Aus in der Gruppenphase, 2021 im EM-Achtelfinale gescheitert, und über das Abschneiden in der Nations League erübrigen sich die Worte.

Bis zum Eröffnungsspiel der EURO am 14. Juni 2024 in München liegen 18 harte Monate vor uns, ohne Pflichtspiele, da als Gastgeber automatisch dabei. Doch Freundschaftsspiele können meiner Meinung nach einen Wettbewerb nicht ersetzen.

Wettbewerb ist mein Stichwort.

Jeder Wettbewerb ist für die Orientierung das A und O. Denn nur dort herrschen Drucksituationen, lassen sich Ziele formulieren und wird Mentalität gefördert! Wir wollen den Druck von unseren Talenten, von den Jugendlichen nehmen, den Meisterschaftswettbewerb reformieren, um es allen möglichst recht zu machen. Der Blick auf die Tabelle ist ein Zeugnis für das Geleistete. Fußball ist ein Ergebnissport, daran orientieren sich von den Fans bis zu den Spielern alle. Das Ergebnis ist die Grundlage für jedes Gespräch über den Fußball.

Deshalb muss schon im Jugendbereich der Wettbewerb im Vordergrund stehen. Sieg, Niederlage, Freude, Enttäuschung und natürlich die Tabelle müssen im Mittelpunkt stehen. Die individuelle Ausbildung ist da immer mit inbegriffen.

Schweinsteiger war im Mittelfeld der letzte große Leader

DFB-Spiele bei der WM in Katar

Die Erfolge früherer Generationen bis hin zu den Weltmeistern von 2014 beruhen auch auf diesen Erfahrungen aus der Jugendzeit. Von Gerd Müller, Uwe Seeler, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann bis zu Miro Klose, um nur einige große Namen zu erwähnen, haben sich unsere Stürmer förmlich zerrissen.

Und Abwehrspieler wie Berti Vogts, Jürgen Kohler, Karlheinz Förster, Andreas Brehme, Peter Briegel, Per Mertesacker oder Jerome Boateng und viele mehr waren echte Spezialisten, schonten weder sich, geschweige denn den Gegner.

Und im Mittelfeld war Bastian Schweinsteiger unser letzter große Leader. Der deutsche Fußball muss wieder diese Spezialisten ausbilden. Von allem etwas zu können, mal in der Abwehr, mal im Mittelfeld, mal rechts, mal links reicht eben nicht für die internationale Spitze jedes Einzelnen und der Mannschaft.

Warum nicht ein 3-5-2 in Erwägung ziehen?

Spiele werden in der Defensive gewonnen. An dieser alten These ist viel dran. Sicherheit und Stabilität im Abwehrverbund strahlen auf die ganze Mannschaft ab. Wir haben diese WM zu allererst durch unser Abwehrverhalten in den Sand gesetzt, wir waren nicht kompakt, nicht richtig abgestimmt und dazu kamen individuelle Fehler. Und in der Offensive, bei der unbestrittenen Qualität mehrerer Spieler, fehlte der letzte Tick Entschlossenheit, das “unbedingt das Tor machen wollen”. Hier sind wir beim Thema Gier und Galligkeit.

Natürlich sollte auch die Systemfrage diskutiert und analysiert werden. Wenn wir schon keine großen Defensivspezialisten auf den Außenpositionen haben, hätte man im Vorfeld der WM ein anderes System, zum Beispiel ein 3-5-2, in Erwägung ziehen können …

Wir strapazieren bei dieser Auswahlmannschaft schon seit geraumer Zeit den Begriff Teamspirit. Alle möglichst bequem und gleich gestellt, das erzeugt keine Energie und Reize, was durchaus hilfreich sein kann. Jede Mannschaft braucht eine erkennbare Hierarchie – die sehe ich in der Nationalmannschaft selbst bei ganz wohlwollender Betrachtung im Moment nicht ausgeprägt genug.

DFB reiht sich in große WM-Fehlerkette ein

Auf Trainerteam und Management der Nationalmannschaft kommen ungemütlich Zeiten zu. Haben sie dafür ein dickes Fell? Der DFB hat kein gutes Bild hinterlassen und politische Themen auf die Mannschaft übertragen. Die Mannschaft wurde zum Spielball deutscher Politik und Medien. Die Zeichen, die man in Katar zu setzen versucht hat, hätten zwölf Jahre lang gesendet werden können seit der Vergabe dieser WM. Die Spieler mit dem Start in das Turnier – bei aller Kritik an FIFA und dem Ausrichter – quasi in das Obligo zu nehmen, reiht sich nahtlos in die große Fehlerkette bei dieser WM in Katar ein.

Andreas Möller (55) bestritt insgesamt 85 Länderspiele, wurde mit der deutschen Nationalmannschaft 1990 Weltmeister und 1996 Europameister. In der Bundesliga absolvierte er 429 Spiele für Frankfurt, Dortmund und Schalke, zudem stand er bei Juventus Turin unter Vertrag. Mit Dortmund war er zweimal Deutscher Meister, größter internationaler Erfolg auf Vereinsebene war der Gewinn der Champions League mit dem BVB im Jahr 1997.