Yakin: “Die Geschichte ist noch nicht fertig”

Die Feier mit den mitgereisten Anhängern geriet ausgelassen. Die Schweiz hat das brisante Duell mit Serbien 3:2 gewonnen, das Achtelfinal-Ticket gebucht und trifft nun auf Portugal.

Greift mit seiner Nati jetzt die K.-o.-Phase der WM an: Murat Yakin.

Greift mit seiner Nati jetzt die K.-o.-Phase der WM an: Murat Yakin.

IMAGO/Sven Simon

Aus Katar berichtet Sebastian Wolff

Murat Yakin ist kein Lautsprecher. Seine Worte trägt der Schweizer Nationaltrainer sehr ruhig vor. Das verleiht ihnen mitunter noch mehr Wirkung. “Unsere Spieler haben sich vorgenommen, Geschichte zu schreiben, und die Geschichte ist noch nicht fertig.” Das nächste Kapitel soll am Dienstag geschrieben werden. Noch nie waren die Eidgenossen bei einer Weltmeisterschafts-Endrunde im Viertelfinale, und schon nach dem mühevollen Auftaktsieg gegen Kamerun (1:0) hatte Granit Xhaka dies als offizielles Ziel ausgegeben.

Spielbericht

Dass der Anführer dafür bereit ist an Grenzen – und darüber hinaus – zu gehen, demonstrierte er auch am Samstag im “Stadium 974”. Als die Serben im zweiten Durchgang einen Elfmeter schinden wollten und lautstark protestierten, griff sich der gebürtige Kosovare in Richtung der gegnerischen Bank in den Schritt und löste eine Rudelbildung aus.

Ich weiß nicht, was da los war, ich habe einen Granit gesehen, der sich voll und ganz auf Fußball konzentriert hat.

Murat Yakin über Granit Xhaka

Yakin indes lobt: “Ich weiß nicht, was da los war, ich habe einen Granit gesehen, der sich voll und ganz auf Fußball konzentriert hat. Wir haben dagegengehalten, und er hat unsere Mannschaft mit getragen.” Wie weit kann Xhaka die Schweiz noch durch das Turnier tragen? “Portugal”, sagt Yakin, “ist der Favorit, aber ich denke, dass sie nicht gern gegen uns spielen. Wir sind bereit. Meine Spieler sind heiß, zu liefern.”

Dann womöglich auch wieder mit den beiden Mönchengladbachern Yann Sommer und Nico Elvedi. Der Torwart und der Innenverteidiger hatten gegen Serbien wegen einer Erkältung gefehlt. “Freitag”, sagt Yakin, “sah es schon wieder ganz gut bei ihnen aus, am Samstag dann schlechter. Wir müssen abwarten.” Die Erfolgsgeschichte zumindest vorbereitet wurde auch ohne sie. Jetzt soll sie gegen Ronaldo und Co. fortgesetzt werden.

“Wir starten im März in die EM-Qualifikation”: Stojkovic denkt nicht an Rücktritt

Dragan Stojkovic hat in seiner Karriere als Spieler und Trainer schon so ziemlich alles erlebt. Dass gleich die erste Frage auf der Pressekonferenz nach dem Turnier-Aus zu seiner Zukunft gestellt wurde, ließ der 57-Jährige gelassen an sich abprallen.

Mischte sich ein: Dragan Stojkovic klärt einen Ball außerhalb des Spielfeldes.

Mischte sich ein: Dragan Stojkovic klärt einen Ball außerhalb des Spielfeldes.

IMAGO/Xinhua

Aus Katar berichtet Sebastian Wolff

“Wir starten im März in die Qualifikation für die Europameisterschaft und daran wird sich nichts ändern”, sagt Stojkovic und wischt Spekulationen um Rücktrittsgedanken damit beiseite. Der frühere Mittelfeldstar hat auch beim 2:3 gegen die Schweiz seine Abwehr nicht stabilisiert bekommen. Acht Gegentore in drei Vorrundenspielen waren letztlich nicht kompensierbar, obwohl die Serben abermals für mehr infrage kamen als sie letztlich bekommen haben.

Spielbericht

“Wir hatten das Spiel gedreht, das 2:2 kurze vor der Pause war dann ein Schock für uns”, hadert der Coach und erklärt: “Wir verteidigen nicht konsequent, und auf WM-Niveau werden solche Fehler bestraft, erst Recht, wenn sie sich wiederholen.”

Dass Serbien während des kurzen Aufenthaltes in Katar die gleichen (Abwehr-)Fehler mehrfach machte, ist aus Trainersicht einfach zu erklären: Die personellen Probleme waren zu groß. “Bei einer Weltmeisterschaft brauchst du die besten Spieler auf ihrem höchsten Niveau”, sagt Stojkovic und fügt hinzu: “Das hatten wir nicht.”

Kostic und Vlahovic erst spät fit

Der Ex-Frankfurter Filip Kostic startete verletzungsbedingt verspätet ins Turnier, Torjäger Dusan Vlahovic ebenso. Verteidiger Stefan Mitrovic vom FC Getafe fiel komplett aus. “Wir hatten diese personellen Probleme”, sagt Stojkovic, “es war dadurch nicht viel mehr möglich.”

Dennoch war ein Sieg im Vorfeld des hochbrisanten Treffens natürlich das erklärte Ziel – dass es am Ende nicht gereicht hätte, quittiert der Chef mit einem Achselzucken: “Es passieren viele unvorhergesehene Dinge bei diesem Turnier. Japan schlägt Spanien und Deutschland ist raus, Frankreich verliert gegen Tunesien und Brasilien in letzter Minute gegen Kamerun.”

Deshalb hätte selbst ein später Sieg der Serben nicht mehr zum Achtelfinale gereicht. Und zumindest vor dem Hintergrund konnte Stojkovic der Niederlage etwas Positives abgewinnen. “Wenn wir den Sieg geholt hätten und dann aufgrund des Ausgangs im anderen Spiel trotzdem ausgeschieden wären, dann hätte es sich noch schlimmer angefühlt.”

Torreich und emotional: Schweiz schafft den Sprung ins Achtelfinale

FIFA WM 2022 – Highlights 02.12.2022

Torreich und emotional: Schweiz schafft den Sprung ins Achtelfinale

3:05Hochemotional ging es zwischen Serbien und der Schweiz her. Die erste Halbzeit war von vielen Toren geprägt, nach der Pause kochte die Stimmung immer wieder über und es kam zu einigen Rudelbildungen. Das bessere Ende hatte die Schweiz für sich.

Dani Alves' “Weckruf” für Brasilien – Hoffnung auf Neymar

Brasiliens B-Elf konnte gegen Kamerun nicht wirklich überzeugen. Laut Dani Alves ein “Weckruf” zur richtigen Zeit.

Warnt sein Team nach der Niederlage gegen Kamerun: Dani Alves.

Warnt sein Team nach der Niederlage gegen Kamerun: Dani Alves.

IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Brasilien machte es im letzten Gruppenspiel den ebenfalls bereits vorzeitig fürs Achtelfinale qualifizierten Frankreich und Portugal gleich, Coach Tite schickte gegen Kamerun mit neun personellen Wechseln eine B-Elf ins Rennen. Diese war dennoch gespickt mit internationaler Klasse, davon war gegen die Afrikaner aber kaum etwas zu sehen. Zwar präsentierten sich Gabriel Martinelli, Antony & Co. phasenweise spielfreudig, zeigten dabei aber keinerlei Durchschlagskraft.

Neben den Youngstern bekam auch Dani Alves die Chance von Beginn an, der 39-jährige Routinier führte die Seleçao als Kapitän aufs Feld und wurde zum ältesten brasilianischen WM-Spieler. Verhindern, dass der Rekordweltmeister das letzte Gruppenspiel am Ende sogar verlor, konnte Dani Alves aber nicht. Also sprach der Rechtsverteidiger nach der 0:1-Niederlage von einem “Weckruf”. “Wir haben nicht besonders gespielt”, so der Routinier, der Brasilien im ersten Durchgang durchaus hätte in Führung bringen können, einen Freistoß aus 18 Metern aber deutlich über den Kasten Kameruns schlenzte.

Über die gesamte Spieldauer war Brasilien zweifellos dem Sieg näher als die “unzähmbaren Löwen”, diese legten im Gegensatz zum klaren Favoriten aber Effizienz an den Tag – Vincent Aboubakar köpfte in der Nachspielzeit sein letztlich dennoch ausgeschiedenes Kamerun zum Sieg. “Manchmal gibt ein kleines Detail den Ausschlag”, erkannte Dani Alves und meinte damit sicherlich die schlechte Zuordnung beim Gegentor.

Wird Neymar fit?

Folgen hatte der Ausrutscher aber keine, Brasilien beendet die Gruppe G als Tabellenführer und trifft im Achtelfinale auf Südkorea. Den Asiaten gelang am Nachmittag eine ähnliche Sensation wie Kamerun, Heung Min Son & Co. schlugen Portugal mit 2:1. Warnung genug also für Brasilien, das weiß auch Dani Alves. “Jetzt kommt die Phase, in der man keinen Fehler machen darf. Wir dürfen nicht nachlassen”, so der mit 41 Titeln erfolgreichste Spieler der Welt, der im Achtelfinale wohl wieder auf die Bank rotieren wird.

Auf dieser könnte gegen Südkorea auch Neymar wieder sitzen. Der Superstar der Seleçao war nach seiner seiner Knöchelverletzung und einem Fieberanfall erstmals wieder im Stadion und verfolgte das Geschehen im Lusail-Stadion direkt hinter der Bank auf der Tribüne. Zuvor hatte der brasilianische Verband ein Video auf Instagram veröffentlicht, das den 30-Jährigen im Hotel bei Koordinationsübungen und leichtem Training mit dem Ball zeigte. Ob die Zeit bis Montagabend (20 Uhr) reichen wird, um Neymar fitzubekommen, bleibt abzuwarten.

Addo schützt Leader Ayew und kritisiert sich selbst

Nach dem 0:2 gegen Uruguay muss Ghanas Nationalteam in Katar die Segel streichen. Trainer Otto Addo trägt es mit Fassung und bescheinigt seinen Spielern glänzende Perspektiven.

Von Otto Addo gab es Trost für André Ayew.

Von Otto Addo gab es Trost für André Ayew.

AFP via Getty Images

Aus Katar berichtet Thiemo Müller

Otto Addos Abschied als Ghanas Nationaltrainer zum Turnierende stand von vornherein fest. Der vom BVB sozusagen nur ausgeliehene Ex-Bundesliga-Profi kehrt in den Trainerstab der Borussia zurück, wie der 47-Jährige nach dem 0:2 gegen Uruguay in Doha nochmals bestätigte: “Es ist eine Entscheidung für die Familie. Aktuell sehen wir unsere Zukunft in Deutschland, wir sind sehr happy in Dortmund.” Die Enttäuschung des Ausscheidens in der Gruppenphase trug Addo zugleich mit Fassung: “Heute erleben wir die unschöne Seite des Fußballs. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass dieser jungen Mannschaft eine großartige Zukunft bevorsteht. Sie muss natürlich weiterarbeiten, sich noch in vielen Details verbessern. Doch sie wird wachsen an dieser Erfahrung und es beim nächsten Mal besser machen.”

“Wer nichts vom Fußball versteht, gibt André vielleicht die Schuld.”

Mit die größte Verantwortung für den Spielausgang trug allerdings der Routinier: Kapitän André Ayew (32), der als einziger aktueller Akteur Ghanas bereits 2010 zum Kader zählte, bei der legendären 2:4-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Uruguay im Viertelfinale der WM in Südafrika. Diesmal trat Ayew nach 21 Minuten zum Elfmeter an – und scheiterte kläglich an Keeper Sergio Rochet, der den Strafstoß gegen Mohammed Kudus zuvor selbst verursacht hatte. “Wenn wir da in Führung gehen, ergibt sich vielleicht ein anderes Spiel”, sinnierte Addo nachvollziehbar. Der Deutung, Ayew damit zum Sündenbock zu stempeln, schob er jedoch prompt einen Riegel vor: “Wer nichts vom Fußball versteht, gibt André vielleicht die Schuld. Aber einen Elfmeter zu verschießen, ist menschlich. Ich beneide niemanden, der die Verantwortung übernimmt, zum Punkt zu gehen. André ist ein großartiger Leader, der unserem Team so viel gegeben hat.”

Spielte Ghanas Team plötzlich vor allem für Südkorea statt für sich selbst?

Dass er seinen Anführer dann allerdings zur Pause auswechselte, bewertete Addo rückblickend selbstkritisch: “Vielleicht hätte ich ihn auf dem Feld lassen sollen. Bei unseren Chancen, die wir in der zweiten Halbzeit besaßen, wäre er vielleicht kaltschnäuziger gewesen. Doch wir wollten eben Frische ins Spiel bringen, und hinterher ist man schlauer.” Überrascht war der Fußballlehrer dann, als ihm Journalisten von Gesprächen mit ghanaischen Spielern nach Abpfiff berichten. Diesen sei es nach der Kunde von Südkoreas 2:1 gegen Portugal in den letzten Minuten vor allem darum gegangen, nicht das 0:3 zu kassieren – aus Gründen des Fairplay gegenüber den Koreanern. Addo wiederum konnte sich solche Gedankengänge gar nicht vorstellen: “Ich weiß nicht, wer Ihnen das gesagt hat. Mir jedenfalls ging es nur um unsere Chance auf ein 2:2. Jeder weiß, dass im Fußball selbst binnen einer Minute alles passieren kann.”

Fragwürdige FIFA-Aktion mit der Blitztabelle beeinflusst das Spielgeschehen

Zudem sei ihm rätselhaft “woher die Spieler gewusst haben sollten, wie es auf dem anderen Platz steht. Es kam kein Hinweis von der Bank”. Für eine entsprechende Information hatte allerdings tatsächlich die FIFA gesorgt, die plötzlich eine Blitztabelle auf der Stadionleinwand einblendete. Eine fragwürdige Aktion, die das Spielgeschehen sichtlich beeinflusste: Uruguay wurde plötzlich hektisch, was Ghana diverse Konterchancen eröffnete. Die letzte Entschlossenheit fehlte aber beim Verlierer – zumindest teilweise offenbar tatsächlich mit Rücksicht auf Südkorea statt im ureigenen Interesse.

Sieberts schwerer Gang und eine Handgreiflichkeit

Nach ihrem Ausscheiden nehmen Uruguays Spieler das deutsche Schiedsrichtergespann ins Visier. Ein Ersatzspieler wird dabei sogar handgreiflich. Eine klare Fehlentscheidung ist dem Berliner Daniel Siebert bei seinem zweiten WM-Auftritt allerdings nicht anzulasten.

Schiedsrichter Daniel Siebert (li.) im Fokus des Ärgers.

Schiedsrichter Daniel Siebert (li.) im Fokus des Ärgers.

IMAGO/Sports Press Photo

Aus Katar berichtet Thiemo Müller

Mit 2:0 siegte Uruguay im Gruppenfinale gegen Ghana hochverdient. Vor allem die Offensivstars Luis Suarez und Darwin sowie natürlich der zweifache Torschütze Giorgian de Arrascaeta hatten diesmal überzeugt. Am Ende fehlte der Celeste wegen Südkoreas sensationellem 2:1 gegen Portugal dennoch ein Tor zum Weiterkommen. Bei den Südamerikanern herrschte folglich pure Enttäuschung – und blanke Wut.

Im Zentrum der Emotionen: Schiedsrichter Daniel Siebert, der in den Augen der Betroffenen den an sich rechtmäßigen Achtelfinaleinzug Uruguays auf dem Gewissen hatte. Speziell wegen dieser Aktion in der 57. Minute: Ghanas Verteidiger Daniel Amartey brachte Darwin mit einer Grätsche im Strafraum zu Fall. Siebert ließ zunächst weiterspielen, wurde dann aber von VAR Bastian Dankert in die Review-Area geschickt. Dort studierte der 38-jährige Bundesliga-Referee die Bilder äußerst ausführlich – und kehrte mit einer auf den ersten Blick überraschenden Botschaft zurück: kein Strafstoß. Allerdings: Amartey traf bei seinem höchst riskanten Einsatz nicht nur hauptsächlich den Gegner, sondern zumindest minimal auch den Ball. Weshalb Sieberts Entscheidung zumindest vertretbar bleibt.

Spielbericht

Ordnungspersonal griff viel zu spät ein, um die Referees zu schützen

Unmittelbar nach der umstrittenen Szene hielten sich die uruguayischen Proteste noch in Grenzen, befand sich der Favorit beim Stand von 2:0 und einem 1:1 im Parallelspiel doch voll auf Achtelfinalkurs. Aber als am Ende ein Treffer fehlte, kam man natürlich noch einmal auf die 57. Minute zurück. Verteidiger José Maria Gimenez und Stürmer Edinson Cavani bestürmten den Unparteiischen auf dem Weg in die Kabine, sahen dafür nach Abpfiff auf dem Feld noch Gelb.

Ein klares Versäumnis der FIFA: Ordnungspersonal griff viel zu spät ein, um das Schiri-Team im Gedränge zu schützen. Etwas unglücklich allerdings, dass Siebert letztlich nicht gemeinsam mit seinen Assistenten das Feld verließ. So bekam er die Handgreiflichkeit von Uruguays Ersatztorwart Fernando Muslera gegen Linienrichter Rafael Foltyn nicht mehr mit, die eine Rote Karte verdient gehabt hätte. Foltyn zeigte die Aktion jedoch direkt bei einem FIFA-Offiziellen an, ein Sonderbericht und ein Nachspiel für Muslera dürften folgen.

Otto Addo lobt: “Ich muss ehrlich sagen, ich fand den Schiri richtig gut.”

Einen weiteren Elfmeter hatte Cavani übrigens in der Nachspielzeit gefordert, als er im Laufduell mit Alidu Seidu ebenso wie der Verteidiger zu Boden gegangen war. Hier lag Siebert freilich sogar unstrittig richtig: Cavani hatte den Kontakt gesucht, nicht Seidu. Uruguays Coach Diego Alonso machte das knappe Aus dann zwar ebenfalls am Schiedsrichter fest – aber nicht an Siebert. Sondern an dessen iranischem Kollegen Alireza Faghani, der das zweite Gruppenspiel gegen Portugal (0:2) gepfiffen hatte: “Wir sind wegen des portugiesischen Elfmeters jetzt nicht mehr dabei. Das war kein Strafstoß, egal was die FIFA sagt.”

In der Tat handelte es sich bei Gimenez’ geahndetem Handspiel in der Nachspielzeit um eine krasse Fehlentscheidung. Vor einer solchen blieb Siebert verschont, so problemlos wie seine Auftaktpartie Tunesien gegen Australien (0:1) verlief das Duell am Freitag aber nicht. Pech, dass beim klaren Elfmeter für Ghana (den André Ayew verschoss) VAR-Hilfe nötig war. Allerdings nicht wegen einer falschen Zweikampfbeurteilung, sondern wegen eines knapp unberechtigten Abseitspfiffs.

Statt des gewohnt kommunikativen Auftretens hätten Suarez und Kollegen zudem die Sprache einer kürzeren Leine vermutlich besser verstanden. Zwischenzeitlich litt Sieberts Autorität erkennbar, gerade in der hektischen Schlussphase bekam er die Begegnung aber wieder in den Griff. Und durfte sich immerhin über ein Kompliment von Ghanas Trainer Otto Addo freuen: “Ich muss ehrlich sagen, ich fand den Schiri richtig gut.” Um wertvolle Erfahrungen dürfte Siebert allemal reicher sein.

Schweiz lässt sich durch Rückstand nicht schocken und steht im Achtelfinale

Die Schweiz hat in einem vor allem vor der Pause atemberaubenden Gruppenfinale gegen Serbien das Achtelfinalticket gelöst, das der Gegner nach einer zwischenzeitlichen 2:1-Führung dicht vor Augen wähnte.

Finale furioso: Der schweizer Mittelfeldspieler Remo Freuler (li.) nach dem sehenswerten Tor zum 3:2.

Finale furioso: Der schweizer Mittelfeldspieler Remo Freuler (li.) nach dem sehenswerten Tor zum 3:2.

IMAGO/Shutterstock

Führungswechsel, sehenswerte Tore, konsequent geführte Zweikämpfe und hohe Emotionalität – zum Abschluss der Gruppenphase boten Serbien und die Schweiz schmackhafte Fußballkost. Mit dem besseren Ende für die Eidgenossen.

Serbiens Nationaltrainer Dragan Stojkovic hatte im Vergleich zum wilden 3:3 gegen Kamerun eine personelle Änderung vorgenommen: Stürmer Vlahovic startete für den Sechser Maksimovic, der auf die Bank rotierte. Der Bremer Velkjovic war rechtzeitig fit geworden und durfte beginnen.

Der letzte Spieltag der Gruppe G

Murat Yakin musste bei den Eidgenossen zwangsläufig umstellen. Denn nach dem 0:1 gegen Brasilien waren Stammtorwart Sommer und Elvedi erkrankt, für das Gladbacher Duo rotierten Kobel und Schär rein, Shaqiri begann für Rieder (Bank).

Frühe Highlights durch Embolo und Zivkovic

Das von Beginn an muntere Spiel startete beinahe mit einem Blitztor, doch Embolo und Xhaka scheiterten in der Anfangsminute in aussichtsreicher Position an Milinkovic-Savic. Danach setzten die Serben Akzente, wurden durch Milenkovic (Kopfball, 5.) und vor allem Zivkovic (Pfostenkracher, 11.) brandgefährlich.

Nach einer der eher seltenen Schweizer Entlastungsvorstöße in dieser Phase stand es plötzlich 1:0: Rodriguez trieb den Ball links voran, seine Hereingabe leitete Sow nach Pavlovics unzureichender Abwehr handlungsschnell weiter auf Shaqiri, der per Linksschuss leicht abgefälscht flach ins Tor traf (20.).

Mitrovics sehenswerte Antwort – Freuler glücklos

Die Serben schüttelten sich und antworteten in einer packenden ersten Hälfte wunderschön: Der einlaufende Mitrovic köpfte Tadics schwungvolle Linksflanke sehenswert ins rechte Eck (26.). Stojkovics Truppe blieb auf dem Gaspedal und drehte die Partie in der 35. Minute durch Juve-Spieler Vlahovic, der nach Freulers unglücklichem Abwehrversuch mit einem Schrägschuss flach und platziert ins rechte Eck traf. Zu diesem Zeitpunkt war Serbien Zweiter der Gruppe – und die Nati ausgeschieden.

Aber Murat Yakins Schützlinge hatten das letzte Wort vor dem Pfiff: Sow fand aus dem Zentrum Widmer auf rechts, dessen flache Hereingabe präzise beim lauernden Embolo landete. Abstauber, Tor, 2:2 (44.).

Ein Tor wie ein Gemälde

Wer gedacht hatte, die Akteure hätten ihr Pulver verschossen, sah sich schon in der 48. Minute getäuscht. Ein Tor wie ein Gemälde: Shaqiri initiierte mit einem Chip-Pass in den Strafraum auf Vargas, der per Hacke Freuler bediente – 3:2! Und Serbien brauchte nun zwei Tore fürs Vorrücken ins Achtelfinale.

Es war ein harter Wirkungstreffer für die Serben, die danach nicht mehr gefährlich wurden und nach einem Duell Schär/Mitrovic zu Recht keinen Elfmeter bekamen (65.). Die Nati stellte sich in der Folgezeit immer tiefer auf und ließ den Gegner machen.

Es fruchtete. Nach einer langwierigen Rudelbildung in der Nachspielzeit stand der 3:2-Erfolg der Eidgenossen auf dem Papier, der den Schweizern Platz zwei hinter Brasilien (0:1 gegen Kamerun, nun gegen Südkorea) sicherte. Am Dienstag (20 Uhr) geht es für Murat Yakins Spieler im Achtelfinale gegen Cristiano Ronaldos Portugiesen. Sieglose Serben treten die Heimreise an.

Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

Die deutsche Nationalmannschaft ist wie bei der WM 2018 nach der Gruppenphase ausgeschieden. Was bleibt nun für Hansi Flick (57) zu tun? Die WM-Kolumne von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

Wenn ich Bundestrainer wäre: Jede Personalie muss hinterfragt werden

kicker

Schon wieder raus. Schon wieder nach drei Spielen. Es ist also eine Selbstverständlichkeit, dass nun eine sofortige und schonungslose Analyse erfolgen muss. Und zwar auf allen Ebenen. Am besten fängt man da immer bei sich selbst an.

An der Zusammenstellung des Kaders lag es nicht. 26 Mitglieder in einem Turnierensemble sind aber zu viele, es eskaliert der Grad der Unzufriedenheit bei denen, die im Grunde keine Aussicht auf einen Einsatz oder allenfalls eine auf einen kurzen haben. Die zuvor diskutierte Nichtnominierung des 2014er Weltmeisters Mats Hummels war richtig und während der WM-Tour kein Thema. Die personellen Entscheidungen während des Turniers sind diskutabel, insbesondere nach einem Spiel, wenn der Effekt einer Ein- und Auswechslung ausbleibt.

Aber einem Leon Goretzka mit seiner Klasse sollte man schon zutrauen, selbst einen starken Ilkay Gündogan zu ersetzen. Niclas Füllkrug wäre gegen Costa Rica mit Sicherheit die bessere Wahl für die Sturmmitte gewesen. Joshua Kimmichs Positionierung rechts außen in der Viererkette machte Sinn, weil damit beide Außenverteidiger im Wechsel offensiv werden konnten. Flankengeber waren damit vorhanden, so dass der Seitentausch – Gnabry nach links und Sané nach rechts – erfolgte, damit beide nach innen ziehen und mit ihrem starken Fuß schießen konnten. Gnabry zielte kurz vor der Pause um Zentimeter an der langen Ecke des gegnerischen Tores vorbei, Sané leider zweimal hoch drüber.

Zu zaghaft war die Formulierung des Zieles gegen Costa Rica. Statt zuallererst einen Sieg anzupeilen und diplomatisch den Respekt vor dieser eigentlich schwachen Mannschaft aus Costa Rica auszusprechen, hätte ein Sieg so hoch wie möglich deutlich und laut formuliert werden müssen, um die Spieler von der ersten Minute an auf Torabschlüsse zu fokussieren und auch den Gegner psychologisch zu beeindrucken. Respekt hätte man ihm trotzdem zollen können. In der letzten halben Stunde, als es um alles ging, rollte die Lawine. Da wurde deutlich, was möglich gewesen wäre, mit permanentem Druck im Spiel nach vorne und sofortigem Gegenpressing, das nicht oder viel zu lasch praktiziert wurde.

Die DFB-Spiele bei der WM in Katar

Die eigentlich vorgegebene Intensität muss künftig über 90 Minuten gelingen. Es wird nicht mehr reichen, eine Halbzeit lang oder sporadisch alles von sich zu fordern. Auch die ständigen Freiräume in der Defensive müssen abgeschirmt werden. Irgendwann muss es die Mannschaft kapieren. Der Kuschelkurs wird vorbei sein, allein über die harmonische Schiene werden keine Erfolge eingefahren. Für Niklas Süle, Serge Gnabry und Leroy Sané darf es nicht mehr reichen, ihre großen Fähigkeiten nach Lust und Laune vorzutragen und dann wieder vor sich hin zu schlampen. Wenn die jetzt mittlere Generation in ihrer Karriere auch mit der Nationalmannschaft Titel gewinnen will, muss sie schleunigst damit anfangen.

Neuer darf weitermachen – weil kein besserer Keeper in Sicht ist

Ohnehin ist jede Personalie und Person zu hinterfragen, selbst im Tor, wo Manuel Neuer die unumstrittene Nummer 1 war. Der Kapitän will weitermachen, bitte, sehr gerne, weil weiterhin kein deutscher Keeper besser ist als er. Aber es wird für die EM 2024 auch auf dieser Position der Konkurrenzkampf ausgerufen. Sonst erstarrt der Ehrgeiz der anderen Schlussmänner in Lethargie. Sollten zwei andere Routiniers, Thomas Müller (33) und Ilkay Gündogan (32), ihre DFB-Karriere beenden wollen – wie es Müller für sich andeutete -, muss mit ihnen offen über ihre Aussichten gesprochen werden. Jamal Musiala, Kai Havertz und bald Florian Wirtz drängen fest auf deren Planstellen.

Den gestarteten Aufbruch zurück in die Weltspitze hat das Jahr 2022 gebremst

Havertz muss dazu aber seine besonderen Fähigkeiten nonstop nutzen und aus seinem Hochbegabtenschlummer aufwachen . Rechts in der Außenverteidigung muss sich Lukas Klostermann etablieren, links David Raum, der insbesondere sein taktisches Verhalten (Defensive, Stellungsspiel) schulen muss. Ein Lernprozess steht genauso Nico Schlotterbeck, Karim Adeyemi, Youssoufa Moukoko und Armel Balla Kotchap bevor.

Die große Auswahl für die Außenverteidigung besteht nicht, für die andere Problemzone in der Angriffsmitte hat sich Füllkrug mit drei Toren in den vier Spielen am Golf empfohlen. Obwohl er als schon 29-jähriger Debütant eine überschaubare Zukunft vor sich hat, kann er der Mannschaft bei der EM 2024 und vielleicht auch bei der WM 2026 helfen.

Den im August 2021 gestarteten Aufbruch zurück in die Weltspitze hat nach gutem Start das Jahr 2022 mit der krassen Enttäuschung bei der WM und dem vorherigen Zickzackkurs gebremst. Vier Siege, sechs Unentscheiden und zwei Niederlagen ergeben eine dünne Bilanz. Die Partien vor der WM und die durchwachsenen Leistungen in der Nations League hätten als Warnzeichen interpretiert werden müssen. Ist die Qualität dieser Mannschaft doch nicht so toll? Oder noch nicht?

Mit Blick auf die Heim-EM in anderthalb Jahren bleibt der Auftrag in jedem Fall spannend, das Potenzial dieser Mannschaft komplett auszuschöpfen. Zur Klasse gehören auch Konstanz und Konsequenz im Umgang mit der eigenen Kompetenz. Misslingt dieser Nachweis, fehlt eben die Klasse. Mit diesen Spielern das Gegenteil zu beweisen, bleibt eine interessante Herausforderung.

Ein Rücktritt vor dem Vertragsende nach der EM 2024 kommt also nicht infrage.

“Ich mag meine Rolle in Dortmund”: Addo nicht mehr Trainer Ghanas

Drei WM-Spiele machte Otto Addo als Nationaltrainer Ghanas. Nach dem bitteren Gruppenphasen-Aus gegen Uruguay trat der 47-Jährige zurück – wie geplant.

Letzter Auftritt als Nationaltrainer Ghanas: Otto Addo.

Letzter Auftritt als Nationaltrainer Ghanas: Otto Addo.

imago images

“Es war klar, dass ich nach der WM aufhöre. Meine Familie und ich sehen unsere Zukunft in Deutschland. Ich mag meine Rolle in Dortmund. Selbst wenn wir Weltmeister geworden wären, wäre es das Ende gewesen. Das ist eine Entscheidung für die Familie”, sagte der frühere Bundesliga-Profi, der für den Hamburger SV, den 1. FSV Mainz 05 und Borussia Dortmund 98 Bundesliga-Spiele bestritt (elf Tore) und für Hannover 96 30-mal (sieben Tore) in der 2. Liga aktiv war.

Selbst wenn wir Weltmeister geworden wären, wäre es das Ende gewesen.

Am Freitag hatten die Ghanaer eigentlich die beste Ausgangsposition in der Gruppe H, denn mit einem Remis wären die Blacks Stars eine Runde weitergezogen. Es kam anders – erst verschoss Routinier André Ayew einen Elfmeter beim Spielstand von 0:0, dann nahm das Schicksal dank zweier Treffer von Giorgian de Arrascaeta seinen negativen Lauf für die Addo-Elf, die mit dem 0:2 gegen die Südamerikaner als Gruppenletzter ausschied.

Entscheidung in der Gruppe H

Die Rolle, die Addo in Dortmund so schätzt, ist die des Top-Talente-Förderers. Die Interims-Aufgabe für Ghana übernahm Addo im Februar 2022. Mit Genehmigung des BVB führte Addo das Nationalteam gegen Nigeria zur WM-Endrunde. Dadurch verlängerte sich Addos Engagement bei den Black Stars.

Doch ganz offensichtlich war der Plan des gebürtigen Hamburgers schon immer, dass sein Auftrag mit der Nationalelf nach der WM in Katar endet. Am liebsten wäre er natürlich länger im Wüstenstaat geblieben, mit dem möglichen Achtelfinaleinzug hätte er ein “Statement setzen wollen”.