“Spanien geht immer Risiken ein”

Immer wieder diese “Minuten der Panik”. Als solche hatte Luis Enrique selbst die Anfangsphase der zweiten Halbzeit gegen Japan am letzten Gruppenspieltag bezeichnet, als Spanien zwei Tore gefangen hatte zum Endstand von 1:2. Doch dass der Nationaltrainer darauf auch vor dem Achtelfinale an diesem Dienstag (16 Uhr, LIVE! bei kicker) gegen Marokko noch angesprochen wird, mag er so langsam nicht mehr verstehen.

Hat das 1:2 gegen Japan abgehakt und hält an seiner Fußballidee fest: Spaniens Trainer Luis Enrique.

Hat das 1:2 gegen Japan abgehakt und hält an seiner Fußballidee fest: Spaniens Trainer Luis Enrique.

IMAGO/ZUMA Wire

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

“Japan war zehn Minuten besser, und wenn wir jetzt weiterkommen sollten, wird es weitere Minuten geben, in denen die Gegner besser sind als wir”, sagte Luis Enrique am Montag und damit einen Tag vor dem Achtelfinale gegen Marokko. Aber das sei logisch angesichts der Leistungsdichte bei einer WM. “Der Gegner kann auch spielen”, stellte der spanische Trainer klar fest. Der 52-Jährige rief daher dazu auf, “das Positive” zu sehen und nicht immer das Haar in der Suppe zu suchen. Denn, und darauf ist er stolz als Coach der Roja, die an diesem Dienstag (16 Uhr, LIVE! bei kicker) im Uruguay-angehauchten Himmelblau spielen wird, “Spanien geht immer Risiken ein”.

Das wolle er auch so. Das Spiel machen, angreifen, Spektakel, alle sollten Spaß haben … die Teams, die Zuschauer, wenn es hoch hergehe, das gefalle auch ihm. Und natürlich gefällt ihm noch mehr, wenn Spanien weiterkommt.

Wobei: “Was mich generell am wenigsten besorgt, ist das Ergebnis. Fußball ist kein fairer Sport, aber meistens gewinnt der, der besser ist.” Daher wolle er, dass seine Roja es gut mache, dann sei die Wahrscheinlichkeit hoch, auch gegen Marokko zu gewinnen.

“Ich versuche, alle dazu zu bringen, Spaß zu haben”

“Aber”, Luis Enrique gab am Montag ja so etwas wie eine Art Unterrichtsstunde in Fußball-Philosophie, “es ist nicht möglich, alles zu kontrollieren. Denn Spieler machen Fehler.” Deshalb mache es auch nur bedingt Sinn, Spieler nach Fehlern auszutauschen. Indes tauscht der Coach generell liebend gern. In rund 50 Spielen als Nationaltrainer hat er nicht ein einziges Mal die Anfangsformation wiederholt, der Wechsel als Konstante und über allem das System, das ist seine Maxime. Und sein Ansatz von Ballbesitz und Pass- und Umschaltspiel sei gar nicht anders als vor knapp zehn Jahren bei Barça, wo ihm 2015 der Triple-Sieg gelungen ist. “Der Ansatz des Spiels ist der gleiche.” Die Spieler seien andere, nur noch die von ihm hoch geschätzten Sergio Busquets und Jordi Alba (“Der Linksverteidiger mit dem besten letzten Pass der Welt” (O-Ton der Trainer) sind dabei. “Aber die Idee ist die gleiche. Ich versuche, alle dazu zu bringen, Spaß zu haben.”

Spaß und Spektakel, für die neutralen Zuschauer wäre Letzteres auch bei einem Elfmeterschießen geboten. Luis Enrique betonte dahingehend vehement: “Elfmeterschießen ist keine Lotterie. Wenn man Elfmeter trainiert, hat man bessere Chancen. Das ist trainierbar. Der Torhüter hat viel Einfluss.” Spanien habe in Unai Simon einen guten Torhüter dafür, natürlich würden Elfmeter trainiert. “Das Ganze ist weniger Glück, als es dies früher war.”

Luis Enriques Wunsch: “1000 Elfmeter üben”

2021 bei der EM kam seine Roja im Elfmeterschießen gegen die Schweiz weiter, schied dann im Shoot-out des Halbfinales gegen Italien aus. Keeper Simon hatte gegen die Schweiz zwei Schüsse pariert, gegen Italien einen.

Am Montag offenbarte der Coach: Vor einem Jahr nach der EM habe er seine Spieler gebeten, jeder möge “1000 Elfmeter üben”. Im Klub, in Katar sei ja gar keine Zeit dafür. Übung macht den Meister, der passionierte Triathlet Luis Enrique ist davon überzeugt.

Spanien und “das Schwierige”

Und ansonsten? “Alle sind gesund”, sagte der Coach. Auch der zuletzt noch angeschlagene Rechtsverteidiger Cesar Azpilicueta, wobei erneut auch Daniel Carvajal zum Einsatz kommen könnte.

Dem Trainer war noch wichtig: “Wir werden unsere Idee nicht ändern. Das bedeutet nicht, dass wir jede Minute dominieren müssen.” Auch dürften seine Spieler Bälle rausschlagen, wenn es sein müsse. Aber der angestrebte Stil sei ein anderer: von hinten herauszuspielen. Und Spaniens Angriffslinie sei zugleich die erste Abwehrreihe und umgekehrt. Problem sei eben, dass der Gegner in der Regel auch nicht schlecht sei: “Das Schwierige ist, es umzusetzen.”