“Wir sind zu soft” – Tunesien und Marokko sollten der DFB-Elf als Vorbild dienen

“Wir sind zu soft” – Tunesien und Marokko sollten der DFB-Elf als Vorbild dienen

Nach der Auftaktniederlage gegen Japan hilft der deutschen Nationalelf nur ein Sieg, um noch ins Achtelfinale einzuziehen. In seiner WM-Kolumne analysiert Welt- und Europameister Andreas Möller den verpatzten WM-Start. 

Problemzone Defensive: Kardinalfehler führten zur Niederlage der DFB-Elf gegen Japan. 

Problemzone Defensive: Kardinalfehler führten zur Niederlage der DFB-Elf gegen Japan. 

IMAGO/Moritz Müller

Totale Schockstarre! Bei allem Respekt vor Japan – das darf einer deutschen Mannschaft nicht passieren. Schon gar nicht nach einer 1:0-Führung, nach einer ordentlichen Leistung über 60 Minuten und Dominanz gegen eine disziplinierte und doch lange Zeit relativ harmlose japanische Elf, abgesehen von zwei, drei Kontersituationen.

WM-Spiele der DFB-Elf

In wenigen Minuten analysiert: Herz der Nationalelf ohne “Sauerstoffzufuhr”

Die Ursachen für den Bruch in unserem Spiel hat jeder nur einigermaßen Fußballinteressierte innerhalb weniger Minuten analysiert. Die Auswechselungen von Müller und Gündogan wurden zum Bumerang für Deutschland, die Einwechselungen der späteren Torschützen Doan und Asano nebst taktischer Umstellungen im Mittelfeld zum Trumpf für Japan. Das Herz einer jeden Mannschaft ist ein kompaktes Mittelfeld. Dafür standen über eine Stunde lang Gündogan und Kimmich. Wir haben diesem Herz nach einer Stunde die Sauerstoffzufuhr verweigert. Doch selbst dann darfst du nie und nimmer ein solches Spiel verlieren.

Was soll das allgemeine Heben der Hände? Du musst die Situation fertig spielen, für Reklamationen bleibt anschließend noch immer Zeit.

Andreas Möller

Verlorener Zweikampf als persönliche Beleidigung

Galligkeit fehlte unserer Mannschaft. Vorne bei der Verwertung guter Chancen, hinten in den entscheidenden Zweikampfsituationen, wo wir die früher gepriesenen “deutsche Tugenden” vermissen ließen! Das geht nun mal überhaupt nicht bei einer Weltmeisterschaft, und schon gar nicht beim ersten Auftritt. Da sieht man Tunesien und Marokko, deren Spieler jeden Zweikampf als eine Alles-oder-Nichts-Situation annehmen. Die einen verloren Zweikampf als eine persönliche Beleidigung empfinden, aufstehen und weiter sprinten und fighten. In dieser Hinsicht sind wir zu soft. Und dazu diese Kardinalfehler, da wird beim ersten Gegentor der Gegenspieler nicht aggressiv gestellt und heben wir beim zweiten Tor der Japaner das Abseits auf. Wo war da die Abstimmung? Was soll da das allgemeine Heben der Hände? Du musst die Situation fertig spielen, für Reklamationen bleibt anschließend gegebenenfalls noch immer Zeit.

In der Defensive muss etwas passieren

Alles oder Nichts heißt es jetzt schon im zweiten Gruppenspiel gegen die Spanier, die gegen Außenseiter Costa Rica schon nach einer halben Stunde alles klar gemacht haben bei ihrem Start in das Turnier. Wir müssen Spanien schlagen. So schwer diese Aufgabe wird, es ist kein Ding der Unmöglichkeit. Ich maße mir nicht an, Hansi Flick und seinem Stab große Ratschläge zu erteilen. Er ist am nächsten an der Mannschaft und wird bestimmt neue Impulse setzen. Natürlich kannst du jetzt nicht alles umwerfen. Aber im Defensivbereich, in der Kompaktheit, muss etwas passieren. Dort reden wir ja nicht erst seit dem Spiel gegen Japan über Probleme. Dass wir allerdings so anfällig sind wie am Mittwochmittag, das hat meine Vorstellungskraft dann doch überschritten.

Fighten und beißen – sonst droht der Abschied

Meine Hoffnung vor dem Spiel gegen Spanien ruht auf der unbestritten großen Qualität im Offensivbereich. Dass wir bei einer Führung bei Ballverlust mit zu vielen Spielern in der Offensive positioniert waren, war, trotz aller Warnungen, ein weiterer Kardinalfehler gegen Japan. Fighten, beißen, keinen Zentimeter verloren geben heißt es gegen Spanien, ohne diese Tugenden werden wir uns aus dem Turnier verabschieden müssen.

Andreas Möller (55) bestritt insgesamt 85 Länderspiele, wurde mit der deutschen Nationalmannschaft 1990 Weltmeister und 1996 Europameister. In der Bundesliga absolvierte er 429 Spiele für Frankfurt, Dortmund und Schalke, zudem stand er bei Juventus Turin unter Vertrag. Mit Dortmund war er zweimal Deutscher Meister, größter internationaler Erfolg auf Vereinsebene war der Gewinn der Champions League mit dem BVB im Jahr 1997.


kicker-Kolumnist Andreas Möller

kicker-Kolumnist Andreas Möller