DFL: Rückzug von Christian Seifert – der Liga droht ein Machtvakuum

Einblicke hinter die Fassade gewährte Christian Seifert nur selten. Das gerne vor einer neuen Bundesliga-Saison von der Deutschen Fußball Liga (DFL) veranstaltete “Angrillen” in der Frankfurter Hausbar war solch ein Termin. Eine unscheinbare Location im Jugendstil in den Grünanlagen der Frankfurter Innenstadt diente kurz vor dem Startschuss zum Meinungsaustausch mit wichtigsten “Meinungsmachern” – ein Dutzend Journalisten waren zum Plausch mit Seifert bei Bier und Bratwurst geladen.

Der DFL-Chef kam aus dem nahe gelegenen Westende dann in kurzen Shorts und mit dem Fahrrad dazu und war sehr darauf bedacht, genau zu verorten, was sein Gegenüber über den deutschen Fußball denkt. Selbst an solchen Terminen, bei denen Stift und Zettel eigentlich stecken bleiben sollten, konnte Seifert nicht den Eindruck verwischen, strategisch vorzugehen. Um letztlich seine Institution – in diesem Fall medial – besser zu positionieren. Das ist ihm fraglos in 15 Jahren bestens gelungen.

Anders als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als Dachorganisation für mehr als sieben Millionen Mitglieder und 25.000 Vereine steht die DFL unter seiner Regentschaft für ein skandalfreies Tun. Dass ein mittlerweile weit über den Sport anerkannter Krisenmanager des deutschen Profifußballs seinen Rückzug für den Juni 2022 ankündigt, kommt zur Unzeit. Offenbar reizt den 51-Jährigen eine neue Herausforderung, über die nach derzeitigem Stand nur spekuliert werden kann. Immerhin veranstaltete Seifert keinen Eiertanz, nachdem am Sonntagabend erste Gerüchte über seinen Rückzug aufkamen.

Für Klarheit gesorgt

“Dies sind anspruchsvolle Zeiten, die danach verlangen, Klarheit und Verlässlichkeit zu schaffen. Das gilt für die DFL als Ganzes und auch für meine beruflichen Ambitionen. Deshalb habe ich Herrn Peter Peters als Aufsichtsratsvorsitzenden darüber informiert, dass ich die DFL nach Ablauf meines Vertrages im Juni 2022 verlassen werde“, teilte er in einer Erklärung am Montagmorgen mit. “In zwei Jahren möchte ich ein neues berufliches Kapitel aufschlagen.

Mit der beruflichen Veränderung hinterlässt er im Profibetrieb auf dem Zenit seines Wirkens ein riesiges Machtvakuum. Zu Anfang als Quereinsteiger vom Vorstand der KarstadtQuelle New Media AG von etlichen namhaften Bundesliga-Größen noch skeptisch beäugt, hatten zuletzt selbst die mächtigen Bosse Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern) oder Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) größten Respekt vor einem ebenso weitsichtigen wie geschäftstüchtigen Strategen, dem rhetorisch fast niemand das Wasser reichen konnte.

Internationaler Netzwerker

Erst recht nicht innerhalb der DFL, wo ein früherer Geschäftsführerkollege wie Andreas Rettig entnervt das Handtuch warf. Als sich im vergangenen Jahr Liga-Präsident Reinhard Rauball zurückzog, wurde dessen Amt eingestampft – und Seifert zum Sprecher des Präsidiums bestimmt. Dessen Scharfsinn gepaart mit Fleiß und Belastbarkeit hatten ihn zu diesem Zeitpunkt bereits zu einem der wichtigsten Netzwerker auf internationaler Fußball-Ebene gemacht.

In der Corona-Krise waren seine guten Verbindungen für den deutschen Fußball wahrhaft Gold wert. Mit direktem Draht zu Politkern wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem gutem Gespür für die notwendigen Schritte ausgestattet, schaffte es der eher konservativ angehauchte Seifert, dass die Bundesliga als erste Profiliga weltweit den Spielbetrieb wieder aufnahm. Dass überall das deutsche Hygienekonzept nachgeahmt wurden, war auch Verdienst eines Steuermannes, der bei einem Neujahrsempfang mal allen Zuhörern ins Gewissen geredet hatte, in Deutschland nicht nur immer alles besser zu wissen, sondern es endlich mal wieder besser zu machen.

Die Liga war unter ihm auf Wachstum getrimmt

Solch scharfzüngigen Spitzen, gerne auch mal in Richtung DFB, früher auch UEFA und FIFA, konnte er sich deshalb leisten, weil er in seiner ureigenen Aufgabe, der Vermarktung der Fernsehrechte der Ersten und Zweiten Bundesliga, sagenhafte Ergebnisse herausholte. Die 2000 gegründete DFL mag immer ein bisschen zu geschäftsmäßig gewirkt haben, aber ureigene Aufgabe war es nun einmal, für das boomende Spiel mit dem Ball möglichst viel Kapital herauszuschlagen, um im internationalen Wettrüsten mithalten zu können. Bevor die Corona-Krise kam, hatten die Bundesliga-Klubs ihre Erlöse auf mehr als vier Milliarden Euro gesteigert.

Dass die Steigerungsraten bei den Fernsehverträgen von 50 Prozent (Rechteperiode ab 2013) und 80 Prozent (ab 2017) nicht wiederholbar sein würden, war in der Pandemie sonnenklar – der harte Verhandler Seifert hielt beim jüngsten Abschluss aber die Einbußen in einem absolut vertretbaren Rahmen. Der Abiturient vom Technischen Gymnasium in Rastatt bestand in jeder Phase der Rechtevergabe auf absolute Loyalität – und führte mit knallharter Hand.

Es fehlt ein Mann für die Zusammenhänge

Der DFL-Geschäftsführer erkannte in den letzten Monaten sehr schnell, welch öffentlicher Gegenwind aufkam, als erste Traditionsvereine nach wenigen Wochen ohne Spielbetrieb in die Zahlungsunfähigkeit rutschten, obwohl auch mit seinem Zutun immer höhere Summen bewegt werden. Der Strippenzieher spürte sodann, dass gut ankommt, wenn er in der Süddeutschen Zeitung (29.04.2020) sagt: “Es muss möglich sein, Gehälter von Spieler zu deckeln.” Oder in der “FAZ” (22.05.2020) demütig festhält: “Es ist längst nicht raus, ob am Ende nicht doch Corona gewinnt.

Mit Blick auf die tiefgreifenden Reformen, die vor dem Eindruck weiterer Einschnitte und der Einberufung der Taskforce “Zukunft Profifußball” eine Trendwende einläuten müssen, versprach Seifert jetzt, bis zum Auslaufen seines Vertrags werde er sich in seinen DFL-Funktionen “auf die aktuellen und kommenden Herausforderungen selbstverständlich weiter mit größter Ambition und vollem Einsatz fokussieren.” Das längst begonnene Tauziehen um eine Neuverteilung der Medienerlöse ist nur ein Vorgeschmack darauf, welche Machtkämpfe noch bevorstehen. Der Fußball in Deutschland steht vor vielen Zerreißproben. Mit Seifert fehlt bald eine Koryphäe für die Zusammenhänge.

Verantwortung verteilen

Der Aufsichtsrat drückte  “großes Bedauern” über den Rückzug aus. “Der Wechsel an der Spitze der DFL bedeutet einen Einschnitt“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzender Peter Peters. Die Neubesetzung werde ohne Zeitdruck angegangen und mit einem umfassenden Prozess versehen. Denn Seiferts Entschluss trifft viele der Mächtigen im deutschen Fußball offenbar ziemlich unvorbereitet. In einem anderen Licht erscheint nun auch sein Verzicht auf die Mitarbeit im DFB-Präsidialausschuss. Trotzdem war von Amtsmüdigkeit wenig zu hören. Vielleicht fühlte Seifert sein zähes Ringen auf höchster Politebene  um den Re-Start, seine harten Verhandlungen mit Medienpartnern um die für viele Vereine lebenswichtigen TV-Raten zu wenig gewürdigt.

Aus seiner Stellungnahme ist wenig Verbitterung abzulesen. “In meiner Funktion an der Spitze der DFL konnte ich die Entwicklung einer der größten Sportligen der Welt, einer bedeutenden gesellschaftlichen Institution sowie den Aufbau eines der innovativsten Medienunternehmen Deutschlands aktiv gestalten. Das war Ehre und Freude zugleich.”  Er habe die Entscheidung bereits so früh gefällt, damit sich der Aufsichtsrat überlegen kann, wie künftig die Organisation der DFL GmbH aussehen solle. Das hörte sich ganz so an: Einem Mann allein diese Aufgabe zu übertragen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es braucht mehrere Personen, um einen Christian Seifert im Sommer 2022 zu beerben.

Stand: 26.10.2020, 12:55