Nagatomo: Aller guten Dinge sind drei

Am Montagnachmittag steht Japan zum vierten Mal in seiner Geschichte im Achtelfinale einer Weltmeisterschaft. Diesmal soll es endlich klappen. Mit Kroatien zittert der nächste große Name vor den Samurai Blue.

Yuto Nagatomo (re.) und Ritsu Doan feiern den Sieg gegen Spanien.

Yuto Nagatomo (re.) und Ritsu Doan feiern den Sieg gegen Spanien.

IMAGO/AFLOSPORT

Zweimal hat er es bereits versucht, zweimal ist er haarscharf an Japans erstem Viertelfinaleinzug vorbeigeschrammt. Yuto Nagatomo kennt das Gefühl großer Spiele bei einer Weltmeisterschaft. Immerhin ist er zum vierten Mal dabei. Der 36-jährige Außenverteidiger der Samurai Blue ist daher vor dem großen Spiel gegen Kroatien die Ruhe selbst. Schmerzhaft dürften ihm die WM in Südafrika und die in Russland dennoch in Erinnerung geblieben sein. 2010 war gegen Paraguay die Reise nach Elfmeterschießen vorbei, 2018 stand Japan gegen Belgien kurz nach der Pause bereits mit eineinhalb Beinen im Viertelfinale, schenkte die 2:0-Führung jedoch wieder her und kassierte unglücklich in der vierten Minute der Nachspielzeit den Knockout.

Belgien-Bilder erst unerträglich, dann Motvation

Besonders Bilder dieser Partie hatte sich der Außenbahnspieler, der lange in Italien, der Türkei und Frankreich aktiv war, lange nicht ansehen können. Doch im vergangenen Jahr hat sich der Mann mit den rotgefärbten Haaren dann doch intensiv mit Szenen dieses Spiels auseinandergesetzt.

“Die Enttäuschung wird zum größten Energieschub. Das hat mich auch widerstandsfähiger gemacht”, so Nagatomo. Diese Widerstandsfähigkeit wird nun gegen Kroatien auf die Probe gestellt. In den bisherigen beiden Aufeinandertreffen bei einer WM-Endrunde 1998 (0:1) und 2006 (0:0) blieben die Ostasiaten ohne eigenen Treffer.

“Kroatien ist ein Land, das viele sehr gute Fußballer hat”, sagt Nationalcoach Hajime Moriyasu. “Sie sind nicht umsonst WM-Zweiter. Sie sind sehr clever. Sie sind sehr flexibel und kennen sich mit K.-o.-Spielen aus.” 

Itakura gesperrt, auch Kubo wohl nicht dabei

Auch Moriyasu war, wenn auch noch nicht in leitender Funktion, beim damaligen dramatischen Aus gegen Belgien dabei. “Aus unserer Sicht hätten wir es schon 2018 verdient gehabt, ins Viertelfinale einzuziehen”, sagt der 54-Jährige, der in Russland als Co-Trainer fungierte. Nach effektiven taktischen Kniffen gegen Deutschland und Spanien wird Moriyasu nun noch bis Montagnachmittag an seiner Herangehensweise feilen, um den nächsten Großen aus dem Turnier zu werfen. “Wir glauben, dass wir es schaffen können.”

Gegen den amtierenden Vizeweltmeister werden es die Samurai Blue allerdings nicht einfach haben, auch weil sie in der Innenverteidigung Gladbachs Ko Itakura ersetzen müssen, der gegen Spanien seine zweite Gelbe Karte des Turniers kassierte. Ebenfalls voraussichtlich nicht rechtzeitig fit wird Takefusa Kubo, der jeweils gegen Deutschland und Spanien links auf der offensiven Außenbahn begann.

Kim Dämpfling

Zu dritt im Auto mit Musik: Wie sich Freiburg WM-Trumpf Doan angelte

Als Joker trumpft Ritsu Doan bei der WM auf. Auch beim SC Freiburg hat der japanische Nationalspieler großen Anteil am historischen Erfolg – als absolute Stammkraft. Wie gelang es den Breisgauern, den umworbenen Dribbler im Sommer für sich zu gewinnen?

Freiburgs Ritsu Doan steht mit Japan im WM-Achtelfinale.

Freiburgs Ritsu Doan steht mit Japan im WM-Achtelfinale.

IMAGO/Kyodo News

Es waren keine versteckten Perlen, wie sie die Freiburger Abteilung um Chefscout und Sportdirektor Klemens Hartenbach schon öfter gefunden haben. In diesem Sommer konnte der Sport-Club die vier Nationalspieler Matthias Ginter, Ritsu Doan, Michael Gregoritsch und Daniel-Kofi Kyereh verpflichten, drei davon flogen zur WM. Ein Sinnbild für den Fortschritt im Breisgau.

“Der Europacup hat da nicht geschadet”

Der Transfer-Vollzug habe dennoch bei allen viel Kraft gekostet, erzählt Hartenbach im großen kicker-Interview (Ausgabe vom 28. November 2022, hier im eMagazine): “In dieser Transferphase war es die Kunst, die Spieler für unsere Idee zu begeistern und emotional zu packen. Der Europacup hat da nicht geschadet, und bei der Umsetzung haben natürlich die Einnahmen für Nico Schlotterbeck (ging für 20 plus mögliche 5 Boni-Millionen Euro nach Dortmund, Anm. d. Red.) geholfen.”

Da drängt sich die Frage auf: Wie haben Hartenbach und Co. die Neulinge emotional gepackt? Besonders Doan, den einzigen noch bei der WM aktiven SC-Sommerzugang? “Bei Ritsu hat es sich ausgezahlt, dass ich mit ihm schon 2021 zusammensaß, als er noch in Bielefeld war”, sagt Hartenbach. In der Saison dazwischen machte der Japaner allerdings beim holländischen Renommierklub PSV Eindhoven auf sich aufmerksam, spielte dort im Europacup und konnte im Sommer aus mehreren Optionen wählen.

Die SC-Verantwortlichen entschlossen sich daher zu einer besonderen Maßnahme. Sie besuchten Doan in Eindhoven – in voller Führungsstärke: Hartenbach, Trainer Christian Streich und Sportvorstand Jochen Saier. Und das einen Tag vor dem 34. Spieltag der vergangenen Saison, als beim Spiel in Leverkusen die Champions-League-Qualifikation noch möglich war. Bemerkenswert, dass Streich zu diesem Zeitpunkt dem Ausflug zustimmte.

Vor einem Abstiegsfinale hätte der Trainer höchstwahrscheinlich nicht mit im Auto gesessen. Hartenbach stimmt zu: “Er würde sich auch kein American-Football-Spiel in einem anderen Stadion anschauen. Über Termine am Tag vor dem Spiel freut er sich zwar nicht, in dieser Situation mussten wir einfach hinfahren.” Das zeigt, wie wichtig dem SC die Personalie Doan war.

Also fuhren die drei durch 20 Jahre gemeinsame Arbeit bestens Vertrauten die eineinhalb Stunden nach Eindhoven. Hartenbach saß am Steuer: “Wir haben Musik gehört und ein bisschen geredet. Wir haben uns vorher keine Strategien überlegt, wer zum Beispiel welche Rolle einnimmt oder wer was sagt. Das schießt uns im Gespräch aus dem Bauch heraus. Sie kennen ja den Trainer.” Doan hatte seinen Berater und zwei Vertraute als Verstärkung mitgebracht. “Es war ein total nettes Gespräch. Wir haben nicht nur über Fußball gesprochen. Er wusste ja, dass wir im Jahr vorher schon großes Interesse hatten”, erzählt Hartenbach. “Wir sind zurückgefahren und hatten ein gutes Gefühl, obwohl wir uns manchmal hinterher fragen, ob wir dem Spieler überhaupt deutlich gemacht haben, dass wir ihn wollen.”

Wir malen ihm die Freiburg-Welt nicht unbedingt so, wenn die Sonne scheint, sondern eher, wenn es regnet.

Klemens Hartenbach

Was er damit meint: “Wir malen ihm die Freiburg-Welt nicht unbedingt so, wenn die Sonne scheint, sondern eher, wenn es regnet. Wir wollen dem Spieler alles dargelegt haben, wie es sein könnte, wenn es nicht so toll läuft.”

Qualitäten im Eins-gegen-eins

All das blieb im Falle von Doan, der bei seiner Verpflichtung in den höchsten Tönen über den Sport-Club sprach, aber bisher nur Theorie. Auch wenn seine Scorerquote von vier Toren und vier Assists in 22 Pflichtspieleinsätzen Luft nach oben lässt, ist der wendige, fast immer rechts außen aufgebotene 1,72-Meter-Mann an fast jedem gefährlichen Freiburger Angriff beteiligt. Seine Qualitäten im Eins-gegen-eins haben das SC-Offensivspiel auf ein neues Level gehoben.

Trotz seiner ursprünglichen Reservistentolle hat Doan mit seinen zwei eminent wichtigen Jokertoren gegen Deutschland und Spanien auch bei der WM groß aufgetrumpft. Die höchste Freiburger Sommerablöse von acht Millionen Euro, die man der PSV überwies, erscheint inzwischen schon fast als Schnäppchenpreis. Wie gut, dass sich Hartenbach, Streich und Saier gemeinsam ins Auto gesetzt hatten.

Warum die Bundesliga einen großen Anteil an Japans Achtelfinaleinzug hat – lesen Sie dazu eine Hintergrundstory im aktuellen kicker (Montagsausgabe, oder hier im eMagazine).

Carsten Schröter-Lorenz

“Niemand in der Welt des Fußballs hat es erwartet”

Dass sich Vize-Weltmeister Kroatien fürs Achtelfinale qualifiziert hat, ist keine große Überraschung. Mit Japan als Gegner in der Runde der letzten 16 hatte man dann aber nicht gerechnet.

Will mit Kroatien ins Viertelfinale: Lovro Majer.

Will mit Kroatien ins Viertelfinale: Lovro Majer.

IMAGO/PanoramiC

“Wir haben es nicht erwartet, niemand in der Welt des Fußballs hat es erwartet”, sagte der kroatische Mittelfeldspieler Lovro Majer (Stade Rennes) am Samstag in Doha und bezog sich damit auf die Tatsache, dass sich Japan in seiner Gruppe E vor Spanien und Deutschland durchgesetzt hat.

Der 24-Jährige erwartet am Montag (LIVE! ab 16 Uhr bei kicker) ein schweres Spiel gegen die Asiaten, die gezeigt hätten, “dass es im Fußball nicht nur auf Qualität und Namen ankommt, sondern vor allem auf Herz und Mut. Sie haben es mehr als andere gezeigt.”

Majer erwartet ein laufintensives Spiel mit vielen intensiven Zweikämpfen und weist die Favoritenrolle von sich. “Das ist eher etwas für die Medien. Wir Spieler schauen auf so etwas nicht. Wir wissen um unsere Qualität und bereiten uns bestmöglich vor.”

Eine große Stärke Kroatiens ist auch, dass man sich von Rückständen nicht verunsichern lässt und immer wieder in der Lage ist, zurückzukommen, wie etwa beim 1:4 gegen Kanada. “Das liegt uns im Blut”, sagte Majer, verweist aber auch auf den “guten Mix aus älteren, erfahrenen Spielern, die schon viel erreicht haben, und uns motivierten Jüngeren”.

Diesen Mix wird es auch gegen “Samurai Blue” brauchen, dessen sind sich die Kroaten bewusst. “Japan spielt als Team sehr gut”, sagt Rechtsverteidiger Josip Juranovic (Celtic Glasgow) und warnt vor den “schnellen Einzelspielern” der Asiaten, die für gewöhnlich wenig Ballbesitz haben, doch “das sagt im heutigen Fußball nichts aus”.

Knieprobleme bei Jakic – Pause für Sosa

Personell hat Nationaltrainer Zlatko Dalic wenig Probleme, allerdings dürften ihm zwei Bundesliga-Spieler ein paar Sorgen bereiten. So konnte Ersatzspieler Kristijan Jakic (Eintracht Frankfurt) am Samstag aufgrund von Knieproblemen nur individuell trainieren. 

Dagegen erschien Borna Sosa gar nicht auf dem Platz. Der Stuttgarter, der als Linksverteidiger bislang alle WM-Spiele über die volle Distanz bestritten hat, war mit “Ermüdungserscheinungen” im Mannschaftshotel geblieben, um dort seine Akkus wieder aufzuladen.

Auch ohne DFB-Team: Die Bundesliga ist im Achtelfinale stark vertreten

Die deutsche Nationalmannschaft hat sich in der WM-Gruppenphase verabschieden müssen. Spieler aus der Bundesliga sind trotzdem zahlreich in der K.-o.-Runde vertreten.

Bundesliga-Profis im Achtelfinale: Dayot Upamecano, Takuma Asano udn Dani Olmo (v.l.n.r.).

Bundesliga-Profis im Achtelfinale: Dayot Upamecano, Takuma Asano udn Dani Olmo (v.l.n.r.).

imago images

Wie schon 2018 ist die deutsche Nationalmannschaft in der WM-Gruppenphase gescheitert. Während das Team von Hansi Flick bereits wieder in der Heimat gelandet ist und die Aufarbeitung beim DFB angelaufen ist, geht schon am Samstag die K.-o.-Runde in Katar weiter – und das mit einigen Vertretern aus der Bundesliga.

Kein Bundesliga-Akteur ist besser als “Deutschland-Schreck” Asano – auch wenn er noch nicht von Anfang an spielte

40 Akteure aus dem deutschen Oberhaus stehen im Achtelfinale, zwei weitere aus der 2. Bundesliga (St. Paulis Australier Jackson Irvine und Düsseldorfs Japaner Ao Tanaka). Ihre Rollen und bisherige Form sind unterschiedlich. Während beispielsweise Dortmunds Torhüter Gregor Kobel am Sonntag zu seinem ersten WM-Einsatz für die Schweiz bei dieser WM kam, weil sich der gesetzte Yann Sommer wie Nico Elvedi (beide Gladbach) erkältet abmelden musste, standen Eintracht Frankfurts Djibril Sow (kicker-Note 3,5), Augsburgs Ruben Vargas (3,33) oder Mainz-05-Profi Silvan Widmer (2,83) in allen Gruppenpartien der Eidgenossen auf dem Feld.

Wie bei den Schweizern gehören auch zu Japans Aufgebot sieben deutsche Erstliga-Profis – zählt man Tanaka dazu, haben die Samurai Blue sogar die größte “deutsche Fraktion”, die eine gewichtige Rolle spielt. Schalkes Maya Yoshida (3,67), Bochums Takuma Asano (2,75), Freiburgs Ritsu Doan (3,5), Stuttgarts Wataru Endo (3,25), Gladbachs Ko Itakura (3,33) und Frankfurts Daichi Kamada (4,0) kamen in allen bisherigen WM-Spielen zum Einsatz, mindestens einmal liefen auch Hiroki Ito vom VfB Stuttgart und Tanaka auf. Vor allem “Deutschland-Schreck” Asano überzeugte dabei. Der 28-Jährige, der bislang immer eingewechselt wurde, ist der nach kicker-Noten beste Bundesliga-Akteur, auch unter Berücksichtigung des DFB-Teams – allerdings mit Abstand zu den bisherigen Topspielern des Turniers. Lediglich Spaniens Dani Olmo (Leipzig, 2,83) kommt da heran.

Auch die immerhin sechs Vertreter bei Titelverteidiger Frankreich, fünf davon vom FC Bayern, bleiben dahinter zurück. Bester Bundesliga-Legionär bei der Equipe Tricolore ist Dayot Upamecano (3,25).

Übrigens: Mit Jeremie Frimpong (Niederlande, Leverkusen), Joe Scally (USA, Gladbach), Robert Gumny (Polen, Augsburg), Josip Stanisic (Kroatien, Bayern) und Kristijan Jakic (Kroatien, Frankfurt) warten nur noch fünf Bundesliga-Akteure auf ihren ersten WM-Einsatz.

Im europäischen Top-5-Vergleich ist die Bundesliga momentan Dritter bei den Abstellungen

Im Vergleich der fünf europäischen Topligen steht die Bundesliga indes an Rang drei mit ihren 40 Achtelfinalisten. Aus der Premier League sind noch mehr Spieler in der Runde der letzten 16 vertreten (93, elf weitere aus der Championship), 59 Spieler verdienen ihr Geld in der spanischen La Liga (3 in der zweiten Liga). Hinter der Bundesliga rangiert die Serie A (39, drei weitere in der Serie B) und Frankreich (34, einer aus der Ligue 2).

Bei den Achtelfinal-Abstellungen ganz vorne sind der FC Barcelona und Manchester City (je 14). Führend in der Bundesliga ist der FC Bayern mit noch sieben aktiven WM-Fahrern.

Diese Teams stehen im WM-Achtelfinale

Die Gruppenphase der WM befindet sich auf der Zielgeraden. Diese Teams haben sich bereits für die K.-o.-Runde qualifiziert.

Als Sieger der Gruppe H weiter: Südkorea.

Als Sieger der Gruppe H weiter: Südkorea.

IMAGO/Nordphoto

Niederlande (Gruppe A: Erster)
Senegal (Gruppe A: Zweiter)

WM-Achtelfinale

England (Gruppe B: Erster)
USA (Gruppe B: Zweiter)

Argentinien (Gruppe C: Erster)
Polen (Gruppe C: Zweiter)

Frankreich (Gruppe D: Erster)
Australien (Gruppe D: Zweiter)

Japan (Gruppe F: Erster)
Spanien (Gruppe F: Zweiter)

Marokko (Gruppe F: Erster)
Kroatien: Gruppe F: Zweiter)

Brasilien (Gruppe G: Platzierung noch unklar)

Portugal (Gruppe H: Erster)
Südkorea (Gruppe H: Zweiter)

FIFA: Ball vor Japan-Tor war nicht im Aus

Millimeter entschieden über den entscheidenden Treffer zu Japans 2:1-Sieg gegen Spanien, der auch der DFB-Elf wehtat. Der FIFA zufolge lief dabei alles korrekt ab.

Perspektive ist alles: Die strittigste Szene beim WM-Spiel Japan gegen Spanien.

Perspektive ist alles: Die strittigste Szene beim WM-Spiel Japan gegen Spanien.

Getty Images

Es gab solche und solche Screenshots am Tag danach, auf jeden Fall gab es reichlich davon. Nach Japans 2:1-Sieg gegen Spanien, der zu einer überraschenden Abschlusstabelle in der “deutschen” Gruppe E führte, blieb die große Frage, ob der entscheidende Treffer von Ao Tanaka regulär gewesen war oder nicht.

Der Angreifer von Zweitligist Fortuna Düsseldorf hatte zu Beginn der zweiten Hälfte eine Hereingabe von Kaoru Mitoma ins Netz gelenkt, bei der der Ball die Torauslinie womöglich schon in vollem Durchmesser überschritten hatte. Nach minutenlangem VAR-Check gab das Schiedsrichterteam um Victor Miguel Gomes den umjubelten Treffer schließlich.

“Andere Kameras können irreführende Bilder liefern”

Der FIFA zufolge lief dabei alles den Regeln entsprechend ab. “Japans zweites Tor beim 2:1-Sieg gegen Spanien wurde vom VAR überprüft, um festzustellen, ob der Ball aus dem Spiel war. Die Videoschiedsrichter prüften anhand der Bilder der Torlinienkamera, ob der Ball noch teilweise auf der Linie war oder nicht”, teilte der Weltverband am Freitagnachmittag via Twitter mit und zeigte dabei auch die von der Torlinienkamera aufgenommenen Videobilder.

“Andere Kameras können irreführende Bilder liefern, aber nach den vorliegenden Beweisen war der Ball nicht vollständig aus dem Spiel”, so die FIFA weiter. Das Problem für Gomes und seine Refereekollegen: Anders als bei der Torlinien- und Abseitstechnologie stehen für solche Fälle keine eigene 3D-Darstellungen zur Verfügung stehen.

Durch den Sieg nach frühem Rückstand feierte Japan nicht nur das zweite bemerkenswerte Comeback nach dem 2:1-Auftakterfolg gegen Deutschland, sondern auch den Gruppensieg vor Spanien. Tanaka, Mitoma & Co. bekommen es im WM-Achtelfinale nun mit Kroatien zu tun (Montag, 16 Uhr, LIVE! bei kicker). Die deutsche Nationalmannschaft musste sich dagegen verabschieden – auch weil Mitoma den Ball offenbar gerade noch rechtzeitig erwischt hatte.

3D-Technik fehlt: Hintergründe zum strittigen Japan-Tor

Dass Japan im WM-Achtelfinale steht, hat es auch einer Millimeter-Entscheidung gegen Spanien zu verdanken. Regelexperte Lutz Wagner ordnet die Szene ein.

Der Blick von oben fehlt: Ist dieser Ball vollständig im Toraus?

Der Blick von oben fehlt: Ist dieser Ball vollständig im Toraus?

AFP via Getty Images

Wenn die Entscheider beim DFB in den nächsten Tagen untersuchen, warum die deutsche Nationalmannschaft schon wieder bei einem großen Turnier früh gescheitert ist, sollten sie wahrlich genug Ansatzpunkte finden. Und trotzdem gehört zur Wahrheit nach einem turbulenten WM-Donnerstagabend: Es waren am Ende auch Millimeter, die das deutsche Aus in der Gruppenphase besiegelten.

Japan hatte schließlich im Parallelspiel gegen Spanien den 4:2-Erfolg der DFB-Auswahl gegen Costa Rica wertlos gemacht – mit einem 2:1-Sieg, dessen entscheidendes Tor durch den Düsseldorfer Ao Tanaka Gegenstand von Diskussionen und zahlreich erstellten Screenshots wurde. Die große Frage: Hatte der Ball die Torauslinie bereits vollständig überschritten, bevor ihn Vorbereiter Kaoru Mitoma nach innen schlug?

Weil den Schiedsrichtern und Video-Assistenten anders als bei der Torlinien- und Abseitstechnologie in solchen Fällen keine 3D-Darstellungen zur Verfügung stehen, gibt es keine 100-prozentige Gewissheit in dieser Frage – wobei einige Aufnahmen zumindest nahelegen, dass der Ball in seinem Durchmesser nicht gänzlich über der Linie war.

Wagner: Schiedsrichter-Team entschied nicht auf Toraus

Unklar war zunächst auch, ob Schiedsrichter Victor Miguel Gomes den Treffer zunächst aberkannt hatte oder nicht. Laut ARD-Regelexperte Lutz Wagner jedoch entschied das Schiedsrichter-Team um den Südafrikaner auf dem Rasen nicht auf Toraus und somit Abstoß für Spanien. Die Referees hätten lediglich den obligatorischen Tor-Check des VAR-Teams abgewartet. “Der VAR konnte anhand der Bilder nicht zweifelsfrei belegen, dass der Ball im Aus war. Somit blieb die Entscheidung auf dem Feld bestehen und das Tor zählte”, so Wagner.

Heißt auch: Hätte Gomes zunächst auf “kein Tor” entschieden, hätte der Videoassistent beweisen müssen, dass der Ball noch im Spiel war, um die Entscheidung zu revidieren.

Es war eine der längsten Überprüfungen bei dieser WM – mit späteren Folgen für drei Mannschaften: für Japan, das nun im Achtelfinale steht; für Spanien, das den Gruppensieg verpasste; und für Deutschland, das ausgeschieden ist. Wobei natürlich niemand weiß, ob Japan gegen Spanien nicht auch dann noch gewonnen hätte, wenn Tanakas Tor aberkannt worden wäre. Es lief schließlich erst die 51. Spielminute.

War der Ball im Aus? Tanaka schätzt die Szene ein

Japan hat mit 2:1 gegen Spanien gewonnen und die “deutsche Gruppe” auf Platz eins abgeschlossen. Der Siegtreffer sorgt allerdings für Diskussionen. 

Der Siegtreffer: Ao Tanaka durfte mit Verspätung nochmal jubeln.

Der Siegtreffer: Ao Tanaka durfte mit Verspätung nochmal jubeln.

AFP via Getty Images

Durch eine 0:1-Niederlage gegen Costa Rica hatten die Japaner ihre gute Ausgangslage durch den Sieg gegen Deutschland wieder aus der Hand gegeben. Gegen bisher starke Spanier musste für Samurai Blue ein Sieg hier, um sicher das Achtelfinale zu buchen und nicht auf das Parallelspiel schauen zu müssen.

Zur Pause sah nichts nach einem Sieg der Asiaten aus, nach vorne ging fast nichts, Spanien war klar besser und führte hochverdient mit 1:0. Doch nach dem Seitenwechsel drehte Japan auf, erzielte binnen weniger Minuten zwei Treffer. Aber der zweite sorgte für Diskussionen, denn zunächst wurde er nicht gegeben, da der Linienrichter die Kugel vor Kaoru Mitomas Flanke im Aus gesehen hatte. Nachdem sich der VAR einschaltete, zählte das Tor doch. Eine ganz enge Entscheidung, der Ball kann nur noch Millimeter auf der Linie gewesen sein. Auch der Torschütze hatte nicht genau gesehen, ob der Ball im Aus war. Ao Tanaka gab deswegen fair zu: “Ich wäre daher auch nicht enttäuscht gewesen, wenn das Tor nicht gegeben worden wäre.”

Aber der Treffer zählte eben, was letztlich entscheidend war, denn aufopferungsvoll kämpfende Japaner brachten den 2:1-Sieg gegen nun nicht mehr so zwingende Spanier über die Zeit. Dieser Dreier reichte sogar zu Platz 1 in einer Gruppe mit Spanien (Zweiter) und Deutschland (als Dritter raus). Im Achtelfinale wartet nun am Montag (16 Uhr) Kroatien. 

Tanaka will nichts von einem Wunder wissen

“Jeder spricht von einem Wunder, aber das sehe ich nicht so. Wir sind immer aggressiver geworden. Ich hatte das Gefühl, dass Spanien nach Deutschlands 3:2 nicht mehr so angegriffen hat”, so der Düsseldorfer Tanaka. “Wir waren noch nie im Viertelfinale, das wollen wir jetzt schaffen.” Mit den Deutschen hatte der Siegtorschütze dagegen wenig Mitleid: “Das ist Fußball.”

Mit diesem Ausgang der Gruppe hatten wohl die wenigstens gerechnet. Für die Japaner darf das als großer Erfolg gewertet werden. “Wir haben mit Deutschland und Spanien zwei der besten Teams der Welt geschlagen, das gibt uns viel Selbstvertrauen. Wir haben zwar noch viel zu lernen, aber wir können gewinnen, Asien kann gewinnen”, war Coach Yoshiro Moriyama voll des Lobes.