Österreich teilt Heinevetters Wut: Als der DHB letztmals ein WM-Viertelfinale spielte

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren hat die deutsche Nationalmannschaft letztmals ein Viertelfinale bei einer Handball-WM bestritten. Es waren denkwürdige 60 Minuten.

Schiedsrichter im Fokus: Österreichs Spieler und auch Silvio Heinevetter suchen das Gespräch mit den Unparteiischen.

Schiedsrichter im Fokus: Österreichs Spieler und auch Silvio Heinevetter suchen das Gespräch mit den Unparteiischen.

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Wer nach der deutschen Nationalmannschaft und einem WM-Viertelfinale filtert, muss auf dem Zeitstrahl ein ganzes Stück zurückgehen. Die bis dato letzte Endrunde im Januar 2021 in Ägypten schloss die DHB-Auswahl mit einem ernüchternden 23:23 (11:12) gegen Polen ab – Platz zwölf bedeutete die schlechteste Platzierung der Verbandsgeschichte.

Bei der WM 2019, die Deutschland gemeinsam mit Dänemark ausrichtete, ging es nach der Hauptrunde direkt mit dem Halbfinale weiter. Das DHB-Team erreichte die Vorschlussrunde, verlor dort allerdings deutlich gegen Norwegen (25:31) und verpasste schließlich gegen Frankreich (25:26) auch knapp WM-Bronze.

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Als amtierender Europameister war Deutschland im Januar 2017 nach Frankreich gereist, wo bereits im Achtelfinale Katar (20:21) die Endstation bedeutete. Für Dagur Sigurdsson war es das vierte und letzte Turnier mit der DHB-Auswahl – sein Abschied gen Japan hatte allerdings schon Ende November 2016 festgestanden.

Man muss also schon fast auf den Tag genau acht Jahre zurückgehen, um ein WM-Viertelfinale mit deutscher Beteiligung zu finden. Es war der 28. Januar 2015, an dem die DHB-Auswahl in der Runde der letzten Acht an Gastgeber Katar (24:26) scheiterte. Deutschland hatte nicht seinen besten Tag erwischt, offenbarte vorne wie hinten zu viele Schwächen.

Schiedsrichter im Fokus – Rivera über den “Heimvorteil”

Die insgesamt 26 Treffer des Außenseiters erzielten allerdings auch sieben eingebürgerte Profis aus Ägypten, Bosnien, Frankreich, Kuba, Montenegro, Spanien und Tunesien. Kein einziges kam von einem der vier in Katar geborenen Spieler im Kader. Das Tor vernagelte mit Danijel Saric ein gebürtiger Bosnier.

Hauptkritikpunkt war hinterher aber gar nicht die regelkonforme Einbürgerung hochbezahlter ausländischer Stars. So mancher hatte sich vielmehr auf die Schiedsrichter aus Nordmazedonien eingeschossen. Diese hatten vor rund 15.000 Zuschauern in Lusail keine wirklich glückliche Figur gemacht. 

Torhüter Silvio Heinevetter, für die WM 2023 nicht in den deutschen Kader berufen, polterte: “Wir konnten dieses Spiel nicht gewinnen. Jeder, der ein bisschen von dieser Sportart versteht, weiß, was ich meine.” Gemeint waren Gjorgji Nacevski und Slave Nikolov. “Solange ich in diesem Land bin, muss ich aufpassen, was ich sage”, schob Heinevetter hinterher und entschwand in die Katakomben.

Wenn dieses Spiel in Deutschland ausgetragen worden wäre, hätten es die Deutschen gewonnen.

Katar-Coach Valero Rivera

Auch für Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar sei klar gewesen, “dass die Deutschen fünf Tore besser sein müssen, um mit einem zu gewinnen”. Heinevetter dürfe sich dennoch “nicht hinstellen und solche Äußerungen von sich geben”. Trainer Valero Rivera, der Katar noch bis ins Finale führen sollte, hatte seine eigene Interpretation: “Der Heimvorteil ist im Handball enorm wichtig, das ist bekannt. Wenn dieses Spiel in Deutschland ausgetragen worden wäre, hätten es die Deutschen gewonnen.”

Auch bei Österreich und Szilagyi brodelt es

Ein deutscher Nachbar teilte Heinevetters Wut: Im Achtelfinale, also nur eine Runde zuvor, war Österreich mit 27:29 an Katar gescheitert. Auch die ÖHB-Profis fühlten sich dabei “verschaukelt”. Keeper Thomas Bauer war bei Abpfiff beispielsweise derart erbost, dass er auf die kroatischen Unparteiischen zustürmte – und noch von den Mitspielern eingefangen werden musste.

Österreichs Kapitän Viktor Szilagyi, heute Geschäftsführer beim deutschen Rekordmeister THW Kiel, nahm nach Schlusspfiff kein Blatt vor den Mund: “Gegen uns wurden in der zweiten Hälfte so viele Offensivfouls gepfiffen wie im ganzen Turnier zuvor zusammen. Da hat Katar scheinbar gut gedeckt. Vielleicht muss man das erwarten. Ich kann das schwer akzeptieren.”

Wenn Deutschland am Mittwochabend auf Rekordweltmeister Frankreich oder Spanien trifft, wird mit Sicherheit wieder der Sport im Fokus stehen. Einen anderen Ausgang als 2015 würde sich Bundestrainer Alfred Gislason auch wünschen.

Bereit für Deutschland: Norwegen lässt Katar keine Chance

Deutschlands letzter Hauptrundengegner Norwegen bleibt bei der Handball-WM 2023 weiter ungeschlagen auf Kurs Viertelfinale.

Gruß in die Kurve: Die Kieler Sander Sagosen (re.) und Harald Reinkind. 

Gruß in die Kurve: Die Kieler Sander Sagosen (re.) und Harald Reinkind. 

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Die Skandinavier gewannen am Samstag gegen Asienmeister Katar souverän mit 30:17 (14:9) und weisen in der Hautprundengruppe III nun 8:0 Zähler auf.

Schon bei einem Punktgewinn der DHB-Auswahl im nachfolgenden Abendspiel gegen die Niederlande stünden die Norweger vorzeitig in der K.-o.-Phase der Endrunde in Polen und Schweden. Beste Torschützen am Samstagabend waren Rechtsaußen Kristian Björnsen (Aalborg, zuvor fünf Jahre in Wetzlar) sowie Flensburgs Rückraumspieler Görn Sögard Johannessen mit je fünf Treffern.

Zuvor hatte sich Ägypten als vierte Mannschaft nach Rekord-Champion Frankreich, Europameister Schweden und Spanien für das Viertelfinale qualifiziert. Der Afrikameister kam gegen Bahrain zu einem 26:22 (13:9) und hat mit 8:0 Punkten einen der ersten beiden Plätze in der Hauptrundengruppe IV bereits sicher.

Weitere Informationen folgen in Kürze …

Katar – Norwegen 17:30 (9:14)

Katar: Jusuff, Lepenica – Tarek Abdalla 5, Gacevic 3, Madadi 3, Sakkar 2, Ali 1, Nader Saleh 1, Sami 1, Shebl Ebaid 1, Alderi, Anwar Jedaied, Berrached, Heiba, Mallasch, Memisevic
Norwegen: Bergerud, Säveras – Björnsen 6, Johannessen 6, Barthold 4/2, Gulliksen 4, Blonz 2, Gröndahl 2, Gullerud 2, O’Sullivan 1, Reinkind 1, Sagosen 1, Thorsteinsen Toft 1, Aga Eck, Röd, Överby
Schiedsrichter: Adam Biro (Ungarn)/Oliver Kiss (Ungarn)
Zuschauer: 5100
Strafminuten: 4 / 2
Disqualifikation: – / –

Trotz klarem Rückstand: Niederlande verwehren DHB-Team ein Geschenk

In der deutschen Hauptrundengruppe III duellierten sich am Donnerstagnachmittag die Niederlande und Katar. Lange sah es für Oranje gar nicht gut aus – doch die Senkrechtstarter zogen den Kopf noch aus der Schlinge. Mit Folgen für den Vizeweltmeister von 2015.

Am Donnerstag zum “Man of the Match” gewählt: Magdeburgs Kay Smits.

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Die Niederlande haben ihren ersten Sieg in der Hauptrunde der Handball-WM 2023 gefeiert: Gegen Katar gewann die Mannschaft von Trainer Staffan Olsson mit 32:30 (15:19) und beerdigte damit die Minimalchance, die Katar noch auf das Viertelfinale hatte. Oranje liegt vor dem zweiten Hauptrundenspiel gegen Deutschland am Samstag (20.30 Uhr) mit 4:2 Punkten auf Kurs.

Für beide Mannschaften hatte das erste Hauptrundenspiel bereits richtungsweisenden Charakter. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase konnte Katar, das auf den verletzten Rafael Capote verzichten musste, die Kontrolle übernehmen und sich einen kleinen Vorsprung erarbeiten: Von 5:5 (12.) setzte sich das Team von Coach Valero Rivera auf 9:6 (16.) ab; nach dem 12:8 (18.) nahm Olsson genervt die erste Auszeit.

Seine Niederländer taten sich gegen das gut eingestellte Katar schwer. In der Abwehr bekamen die zu passiven Niederländer keinen Zugriff auf den Rückraum des Gegners, auch Kreisläufer Youssef Ben Ali hatte immer wieder Räume. Im Gegenzug verteidigte der Außenseiter das Tempospiel extrem gut und nahm den Niederländern so seine gefährlichste Waffe.

Auch auf der Torwartposition lag der Vorteil im ersten Durchgang klar beim Vizeweltmeister von 2015: Während Bart Ravensbergen weitestgehend glücklos blieb, konnte Bilal Lepenica mehrere schöne Paraden für sich verzeichnen. Über 13:8 (20.) ging es mit 19:15 in die Pause.

Niederlande bärenstark über die Außen

Der Start in den zweiten Durchgang gehörte den Niederlanden, das innerhalb weniger Minuten zum Anschlusstreffer kam (18:19). Ein Faktor dafür war auch der wieder eingewechselte Ravensbergen. Zwei Zeitstrafen innerhalb von 30 Sekunden stoppten den Lauf allerdings abrupt; Katar nutzte die Gelegenheit und setzte sich wieder auf 21:18 ab (37.).

Die Niederländer kamen in den folgenden Minuten immer wieder heran, machten es sich durch einfache Fehler aber selbst schwer. Schließlich gelang aber doch der Ausgleich beim 25:25 (49.). Trumpf in dieser Phase: Die beiden Außen Niels Versteijnen und Rutger ten Velde, die sich enorm treffsicher zeigten.

In der 51. Spielminute geriet Katar nach einer Zeitstrafe zusehends unter Druck. Luc Steins warf den Ball zum 29:27 (53.) ins leere Tor. Nun war das Momentum endgültig auf Seiten der Niederlande: Der ansonsten sichere Schütze Ahmad Madadi – mit elf Treffern bester Werfer im Spiel – vergab einen Siebenmeter. Hamburgs Dani Baijens netzte im Gegenzug zum 30:27 (55.) ein.

Zwei Ballverluste sorgten jedoch noch einmal für Spannung: Zweieinhalb Minuten vor dem Ende stellte Katar den Anschluss zum 29:30 her. Doch nun flatterten auch den Spielern von Rivera die Nerven. Samir Benghanem stahl den Ball und traf per Gegenstoß zum 31:29 (59.). Game over. Erfolgreichster Schütze bei den Niederländern war einmal mehr Magdeburgs Kay Smits (acht Tore, drei davon per Siebenmeter), der auch zum “Man of the Match” gewählt wurde.

Katar – Niederlande 30:32 (19:15)

Katar: Lepenica, Suljakovic – Madadi 11/5, Ali 5, Gacevic 5, Sakkar 3, Tarek Abdalla 3, Heiba 1, Memisevic 1, Shebl Ebaid 1, Alderi, Anwar Jedaied, Berrached, Hassaballa, Nader Saleh, Sami
Niederlande: Ravensbergen, A. Versteijnen – Smits 8/3, Ten Velde 8, Versteijnen 6, Benghanem 4, Baijens 3, L. Steins 2, Schmeits 1, Adams, Boomhouwer, Jansen, Kooijman, Schoenaker, Sluijters, Stavast
Schiedsrichter: Mindaugas Gatelis (Litauen)/Vaidas Mazeika (Litauen)
Zuschauer: 1900
Strafminuten: 12 / 12
Disqualifikation: – / –

Katar beschert Deutschland die perfekte Ausgangslage

Katar buchte am Sonntagabend mit einem 29:24 (12:11) gegen Algerien sein Ticket für die Hauptrunde – und bescherte der DHB-Auswahl damit die perfekte Ausgangslage für die zweite Turnierphase.

Er war in der Schlussphase zur Stelle: Wetzlar-Keeper Anadin Suljakovic.

Er war in der Schlussphase zur Stelle: Wetzlar-Keeper Anadin Suljakovic.

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In Kattowitz waren Jovan Gacevic und Ahmad Madadi mit jeweils sieben Toren beste Werfer für den deutschen Auftaktgegner, während Abdi Ayou und Daoud Hichem jeweils fünfmal für Algerien trafen.

Für die beiden noch punktlosen Teams war es ein vorgezogenes “Endspiel” um die Hauptrunde. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase (3:3, 8.) setzte sich das munter aufspielende Team aus Algerien auf 7:3 (13.) durch Benhalima Nori Selim ab. Katar-Coach Valero Rivera reagierte mit einer Auszeit und fand die richtigen Worte, denn sein Team egalisierte den Rückstand binnen weniger Minuten (8:8, 17.).

Im weiteren Spielverlauf konnte sich lange kein Kontrahent mehr einen entscheidenden Vorsprung herausspielen. Zwar lag Katar meist knapp in Front – wie beim 12:11 zur Halbzeit -, doch Algerien konnte immer wieder Nadelstiche setzen und hielt bis in die Schlussphase hinein Kontakt (25:23, 53.).

Dass es für Algerien am Ende nicht reichte, um die Mannschaft aus Katar noch einmal stärker unter Druck zu setzen, war wohl der Unerfahrenheit im Umgang mit der Drucksituation geschuldet. In der Schlussphase vergaben die Nordafrikaner mehrmals gute Chancen gegen Wetzlar-Keeper Anadin Suljakovic und konnten auf der anderen Seite die katarischen Angriffe nicht konsequent unterbinden.

Serbien oder Katar: Wer nimmt noch zwei Punkte mit?

Der Abpfiff beim Stand von 29:24 für Katar war gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Ausscheiden Algeriens, während Katar sich über das Ticket für die Hauptrunde freuen kann. Im letzten Vorrundenspiel gegen Serbien (Dienstag, 20.30 Uhr) geht es damit um die Frage, wer zwei Pluspunkte mitnimmt. Die DHB-Auswahl wird definitiv mit 4:0 Zählern in die zweite Turnierphase gehen.

Bundestrainer Alfred Gislason darf gegen Algerien experimentieren, die deutsche Mannschaft sich für die Hauptrunde und den damit verbundenen Kampf um einen Platz im Viertelfinale eingrooven. Algerien reist anschließend nach Plock zum President’s Cup.

Katar – Algerien 29:24 (12:11)

Katar: Lepenica, Suljakovic – Gacevic 7, Madadi 7/2, Capote 6, Ali 4, Tarek Abdalla 3, Heiba 1, Memisevic 1, Berrached, Hassaballa, Mallasch, Nader Saleh, Sakkar, Sami, Shebl Ebaid
Algerien: Ghedbane 1, Zemouchi – Ayoub 5, Hichem 5, Khermouche 3, Douchet 2, Melazem 2, Naïm 2, Nori Selim 2, Arib 1, Yacine 1, Abdelkader, Bendjilali, Hellal, Kaabeche, Kouri
Schiedsrichter: Alaa Emam (Ägypten)/Hossam Hedaia (Ägypten)
Zuschauer: 3200
Strafminuten: 8 / 6
Disqualifikation: – / –