Klopp vor 1000. Spiel als Profitrainer: “Mein Bart ist jetzt wirklich grau”

Liverpool-Coach blickt zurück 20.01.2023

Klopp vor 1000. Spiel als Profitrainer: “Mein Bart ist jetzt wirklich grau”

1:29Vor seinem Jubiläumsspiel gegen den FC Chelsea an diesem Samstag (13.30 Uhr, LIVE! bei kicker) resümiert Jürgen Klopp, der 55-jährige Chefstratege des FC Liverpool, die vergangenen 22 Jahre im Geschäft – und die Auswirkungen.

Klopp lacht über Chelsea-Transfers

Vor dem direkten Duell in Liverpool zeigt sich Jürgen Klopp verwundert über Chelseas Transferphase – muss aber wenigstens eine “interessante” Flügelzange nicht fürchten.

Vor dem 1000. Spiel seiner Trainerkarriere: Jürgen Klopp.

Vor dem 1000. Spiel seiner Trainerkarriere: Jürgen Klopp.

IMAGO/Colorsport

Hat der FC Chelsea etwa schon genug? Als Graham Potter am Freitag über weitere Wintertransfers befragt wurde – die sich längst anbahnen -, wagte er zu sagen, dass er “nicht mehr allzu viele” erwarte, und meinte achselzuckend: “Man versucht immer, den Kader zu verbessern, und das haben wir getan.”

Aus dem Munde eines Trainers, der in den vergangenen Tagen und Wochen Neuzugänge für rund 140 Millionen Euro erhalten hat, klang das reichlich untertrieben, und wahrscheinlich hätte Jürgen Klopp laut gelacht, wenn er mit diesem Satz konfrontiert worden wäre. Aber das tat er auf seiner Presskonferenz ohnehin.

“Chelsea löst die Probleme ganz offensichtlich anders als wir”

Am Samstag (13.30 Uhr, LIVE! bei kicker) treffen sich mit dem FC Liverpool und dem FC Chelsea zwei der größten Premier-League-Sorgenkinder zum Duell Neunter gegen Zehnter. Beide kämpfen mit massiven personellen Problemen. “Das ist die einzige Mannschaft mit einer ähnlich langen Verletzungsliste”, sagte Klopp, der vor seinem 1000. Spiel als Trainer steht (“Ich fühle mich gesegnet”). “Es ist nicht das einzige, aber ein großes Problem. Deswegen bin ich nicht allzu überrascht davon, wo sie stehen.”

Doch während Liverpool “nur” mit der Verpflichtung von Coady Gakpo (Eindhoven) reagierte, holte Chelsea bereits fünf Neue, darunter 100-Millionen-Euro-Mann Mykhaylo Mudryk (Donezk) und Joao Felix (Atletico). Angesprochen auf die Investitionen des kommenden Gegners, entfuhr Klopp am Freitag tatsächlich ein lautes Lachen.

Klopp über Mudryk: “Tempo, Technik, Tore”

“Ich kann es nicht erklären, keine Ahnung. Wenn die Zahlen stimmen, ist es beeindruckend”, sagte er anschließend, und seine Betonung ließ ungefähr erahnen, wie wörtlich er das Wort “beeindruckend” meinte. “Ich glaube nicht, dass Chelsea in den nächsten zehn Jahren so weitermachen kann. Oder – vielleicht können sie es auch. Chelsea löst die Probleme ganz offensichtlich anders als wir.” Unter anderem nutzen die Blues die langen Vertragslaufzeiten, um ihre kostspielige Transferstrategie mit den Finanzregeln von UEFA und Premier League zu vereinbaren.

Königstransfer Mudryk, gebunden bis 2031, könnte in Anfield sein Debüt geben, Potter stellte ihm zumindest eine Jokerrolle in Aussicht. “Tempo, Technik, Tore – er vereint viel”, weiß auch Klopp. “Er auf dem einen Flügel und vielleicht Joao Felix auf dem anderen – puh, interessant!” Diese Flügelzange muss Liverpool immerhin nicht fürchten: Joao Felix ist am Samstag rotgesperrt.

Klopp: “Als hätten wir seit Jahren nicht mehr gewonnen”

Die Erleichterung war groß auf Seiten von Jürgen Klopp und dem FC Liverpool. Mit 1:0 gewannen die Reds das Wiederholungsspiel im FA Cup am Dienstag und gewannen damit nach drei sieglosen Spielen erstmals wieder. 

Umarmung: LFC-Torschütze Harvey Elliott (li.) wird von Jürgen Klopp geherzt.

Umarmung: LFC-Torschütze Harvey Elliott (li.) wird von Jürgen Klopp geherzt.

IMAGO/PA Images

1:3 in Brentford, 0:3 in Brighton – und dazwischen nur 2:2 gegen Wolverhampton an der Anfield Road: Das Jahr 2023 hatte äußerst mau begonnen für die Reds, sodass dem knappen Erfolg im Wiederholungsspiel bei den Wanderers durchaus ein zusätzlicher positiver psychologischer Faktor innewohnte: “Es fühlt sich so an, als hätten wir seit Jahren nicht mehr gewonnen und gut gespielt. Wir haben das Spiel lange Zeit kontrolliert, mussten am Ende aber fighten. Das ist uns gelungen und es war die Reaktion, die wir sehen wollten”, spielte Klopp auf die jüngste Pleite vom Wochenende an. 

Elliott: “‘Milly’ hat geschrien: ‘Schieß!'”

Insbesondere Harvey Elliott und seinem sehenswertem Treffer war schon in der Anfangsviertelstunde der Partie war es zu verdanken, dass der LFC nach gutem Start der Wanderers anschließend – zumindest in der ersten Hälfte – das Spiel weitgehend in den Griff bekam. 
“Das hat er gut gemacht; erst recht, weil er in der Anfangsphase schon einen Schlag auf den Knöchel abbekommen hatte. Da hat er sich durchgebissen und dann ein großartiges Tor gemacht”, lobte so auch Klopp das erst 19-jährige Talent, der wie einige andere Akteure aus der zweiten Reihe eine Bewährungschance von Beginn an erhalten hatte.

Elliott selbst erklärte seinen sehenswerten Distanztreffer mit einem zusätzlichen Helfer: Routinier James Milner (37), der auch seinen Anteil an dem Tor gehabt habe: “‘Milly’ hat geschrien: ‘Schieß!’ – also habe ich das gemacht. Vielleicht sollte er mich öfter ermutigen, denn es hat definitiv funktioniert”, freute sich der Youngster. 

Klopp lobt – und nimmt sich selbst in die Pflicht

Für Klopp fiel aber längst nicht nur Elliott positiv auf: “Für mich gab es mehrere Leistungen, die den ‘Man of the Match’ gerechtfertigt hätten. Stefan Bajcetic und das ganze Mittelfeld waren richtig kompakt. Und so war es für die Wolves schwierig, die Schlüsselspieler wie Joao Moutinho zu finden. Ich bin mit dem Spiel sehr zufrieden.”

Während sich Klopp einerseits über die Kompaktheit seines Teams in der ersten Hälfte und die Leidenschaft, sich in die Schüsse zu werfen, in der zweiten Hälfte freute (“Ein echtes Pokalspiel, toll”), nahm er sich andererseits für die kommenden Aufgaben – beginnend mit einem Heimspiel gegen den ebenfalls zuletzt strauchelnden FC Chelsea (Samstag, 13.30 Uhr) an der Anfield Road selbst die Pflicht. “Es ist mein Job, den Jungs zu helfen und eine Aufstellung zu finden, mit der sie sich von Beginn an gut fühlen.” Denn ein wenig Ruhe dürfte in Liverpool wohl ohnehin erst dann einkehren, wenn dies nicht nur in der 3. Runde im FA Cup wie in Wolverhampton gelingt, sondern auch wieder in der Liga. 

Klopp kündigt Umbruch an: “Als ich Dortmund verlassen habe …”

Jürgen Klopp schließt einen Rücktritt aus und dementiert atmosphärische Störungen – doch im Sommer könnte dem FC Liverpool ein großer Umbruch bevorstehen.

Sieht größere Änderungen auf den FC Liverpool zukommen: Jürgen Klopp.

Sieht größere Änderungen auf den FC Liverpool zukommen: Jürgen Klopp.

IMAGO/Shutterstock

Seit Oktober hat der FC Liverpool in der Premier League nicht mehr zu null gespielt, die Champions-League-Ränge sind zehn Punkte entfernt, und das 0:3 in Brighton am Samstag erklärte Jürgen Klopp kurzerhand zum schlechtesten Spiel seiner Laufbahn. Plötzlich muss der Trainer einer Mannschaft, die vor einem halben Jahr noch fast das Quadruple gewonnen hätte, Fragen eines Abstiegskandidaten beantworten.

“Ich war noch nicht oft in einer solchen Situation, weiß aber genau, was passiert, wenn die Dinge nicht gut laufen”, sagte Klopp vor dem FA-Cup-Wiederholungsspiel bei den Wolverhampton Wanderers an diesem Dienstag (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker) gegenüber englischen Medienvertretern. “Es gibt eine Liste, die ihr durchgeht”, und dazu gehöre auch die Frage nach atmosphärischen Störungen.

Die deutsche Fußballfloskel treffe nicht zu, betont Klopp

“In Deutschland sagen wir: Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. Ich kann verstehen, dass es manchmal so aussieht, aber das trifft einfach nicht zu. Das könnt ihr von der Liste streichen”, sagte Klopp. Es gebe auch keine gegenseitigen Schuldzuweisungen innerhalb der Mannschaft à la “Ich war okay, aber er nicht”: “Das sehe ich nicht, das höre ich nicht, es ist einfach nicht da.”

Hat Klopp dann vielleicht zu lange an den Liverpool-Helden der letzten Jahre festgehalten? Ist er gegenüber einzelnen Spielern zu loyal? “Bin ich nicht”, widersprach er auch diesem Eindruck. “Ich bin loyal, jeder sollte es sein. Aber ich bin nicht zu loyal.” Das Problem sei komplex: “Wenn du einen Spieler hast, der in der Vergangenheit viele gute Sachen gemacht hast, denkst du vielleicht: ‘Das war’s für ihn.’ Wenn du dann einen Spieler holen kannst, um ihn zu ersetzen, ergibt es für beide Seiten Sinn zu sagen: ‘Es war eine tolle Zeit, bis bald.’ Aber wenn du keinen Ersatz holen kannst, kannst du niemanden wegschicken.”

Und dennoch kommt auf Liverpool im Sommer ein großer Umbruch zu, der aus Sicht einiger Kritiker schon ein Jahr früher hätte vollzogen werden müssen. Unter anderem laufen dann die Verträge von Roberto Firmino, Naby Keita, James Milner und Alex Oxlade-Chamberlain aus. Parallel steht ein Verkauf des Klubs im Raum.

“Entweder ich gehe oder viele andere Dinge müssen sich ändern”

“Als ich Dortmund verlassen habe, habe ich gesagt: ‘Hier muss sich was ändern'”, blickte Klopp zurück. “Entweder ich gehe, also auf der Trainerposition ändert sich was, oder viele andere Dinge müssen sich ändern'” – das habe damals gegolten und gelte jetzt in gewisser Weise wieder. “Soweit ich weiß, werde ich nicht gehen”, so Klopp. “Das bedeutet also, dass wir vielleicht an einen Punkt kommen, an dem wir viele andere Dinge ändern müssen. Aber das ist ein Thema für die Zukunft, etwa den Sommer, aber nicht für jetzt.”

Dass auch Jude Bellingham nach Vorstellung von Klopp und dessen Bossen Teil dieses Umbruchs sein soll, ist längst ein offenes Geheimnis. Vorher muss aber das bestehende Personal eine frustrierende Saison retten. Man könne nicht mit der Einstellung spielen, dass die Probleme nächste Saison verschwunden sein werden, mahnte Klopp: “Wir müssen jetzt besseren Fußball spielen.” Ein Sieg in Wolverhampton würde den Reds schon Ende Januar ein Sechzehntelfinale bescheren – in Brighton übrigens.