Santos und der falsche Fokus: Ronaldo, immer wieder Ronaldo

Mit oder ohne CR7? Dabei würde sich Nationaltrainer Fernando Santos vor dem Achtelfinale gegen die Schweiz an diesem Dienstag doch lieber auf das Duell mit der Mannschaft von Murat Yakin fokussieren.

Will sich nicht an Spekulationen aus der Heimat beteiligen: Portugals Trainer Fernando Santos und Cristiano Ronaldo.

Will sich nicht an Spekulationen aus der Heimat beteiligen: Portugals Trainer Fernando Santos und Cristiano Ronaldo.

AFP via Getty Images

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

Hätte man sich vor gar nicht so langer Zeit noch nicht vorstellen können. Doch nach diesem Saisonverlauf bei Manchester United und dieser Gruppenphase bei der WM in Katar ist genau das bis dato scheinbar Undenkbare das Thema: Soll Cristiano Ronaldo in die Startelf oder nicht im Achtelfinale an diesem Dienstag gegen die Schweiz (20 Uhr, LIVE! bei kicker)?

Coach Santos diesmal ohne Lausbubenlächeln

In Portugal wird diskutiert und viele Kommentatoren und auch Anhänger sähen es lieber, der Kapitän bliebe (zunächst zumindest) auf der Bank. Nationaltrainer Fernando Santos ließ sich am Vortag des Spiels freilich nicht locken: Er entscheide das erst auf der Fahrt zum Stadion, sagte der 68-Jährige. Vor den Medien scherzt der Coach gerne, allerdings setzte er diesmal nicht sein Lausbubenlächeln auf, wie er das sonst oft tut. Denn der Trainer will den Fokus auf das Spiel gegen die Mannschaft von Trainer Murat Yakin lenken, sonst nichts.

WM 2022, Vorschau

Dennoch ging es zunächst wieder mal um CR7 und dessen am Montag bekanntgewordene Zukunft in Saudi-Arabien bei Al-Nassr. Dort soll er Medienberichten zufolge von Januar an bis 2025 unter Vertrag genommen werden, wie Spaniens Marca berichtet. Einschließlich Werbeeinnahmen sollen dem 37-Jährigen 200 Millionen Euro winken, pro Saison.

Es würde in das Bild eines Stürmers passen, der seit Monaten außerhalb des Platzes offensiver agiert als auf dem Rasen. Und dessen sportlicher Output in dieser Zeit bei ManUnited, aber auch in der Selecao, in der Tat eher für ein Engagement im (trotz des Sieges über Argentinien zum WM-Start) fußballerische Entwicklungsland Saudi-Arabien spräche. 

“Davon weiß ich nichts, vielmehr habe ich auch eben erst davon erfahren und kann und will daher nichts dazu sagen”, erklärte Santos. Und sagen will er auch nichts dazu, ob Ronaldo gegen die Schweiz womöglich auf der Bank startet. Das seien “Spekulationen” aus der Heimat, “darauf konzentriere ich mich nicht”.

Rafael Leao: Ein Trainerlob ohne Auswirkung?

Dass er den möglichen Ersatzspieler Rafael Leao lobend erwähnt, muss nicht überbewertet werden, nach dem war der Coach explizit gefragt worden. Dennoch attestierte Santos dem 23-Jährigen “riesiges Potenzial. Auf ihn wartet eine vielversprechende Karriere”. Im Frühjahr hatte der Angreifer entscheidenden Anteil an der ersten Meisterschaft des AC Mailand seit elf Jahren. Auch beim 3:2 zum Auftakt gegen Ghana hatte Leao als Einwechselspieler getroffen.

Zu Ronaldo wollte Santos indes nichts mehr sagen und setzte einen “Schlusspunkt” unter dessen Streit mit Spielern des Gegners Südkorea zum Abschluss der Gruppenphase am Freitag beim 1:2.

Ronaldo spielt mit Portugal derzeit seine fünfte WM: Beim 3:2 gegen Ghana hatte er per Elfmeter getroffen, beim folgenden 2:0 gegen Uruguay spielte er so unglücklich wie gegen Südkorea, als er sogar das erste Gegentor verschuldete. Gegen die Asiaten wurde er Mitte der zweiten Halbzeit ausgewechselt. Glaubt man Santos, um ihn vor weiteren Händeln mit dem Gegner zu schützen. In den beiden Spielen zuvor hatte der Trainer den Superstar erst in der absoluten Endphase von Feld genommen. Doch selbst das hatte es früher nicht gegeben. Aber da war CR7 eben noch ein sportlich anderes Kaliber, wenngleich man ihm das Potenzial für entscheidende Tore auch weiterhin nicht absprechen kann.

2008 wurde CR7 gegen die Schweiz geschont

Trifft er noch einmal, dann hätte er insgesamt neunmal bei WM-Endrunden getroffen und den portugiesischen Landesrekord von Eusebio von der WM 1966 egalisiert. Dass der Weltrekordtorjäger auf Nationalmannschaftsebene (118 Treffer in 194 Spielen) zuletzt bei einer Endrunde nicht in der Startelf der Selecao stand, liegt 15 Jahre zurück: Bei der EM 2008 blieb er beim 0:2 just gegen den jetzigen Gegner Schweiz am 3. Spieltag der Gruppenphase gänzlich draußen. Schonung damals.

Wir müssen es besser machen als gegen Südkorea, sonst fahren wir nach Hause.

Fernando Santos

Nun also wieder die Schweiz. Das Yakin-Team erwartet Santos nicht weniger “diszipliniert und organisiert” wie am Freitag Südkorea. Aber “Portugal hat immer die Verpflichtung, zu gewinnen”, verweist der Trainer auf die Ansprüche bei der Selecao, die er 2016 zum EM-Titel gecoacht hat. “Wir müssen es besser machen als gegen Südkorea, sonst fahren wir nach Hause.”

Ist denn nun auch ein Portugal mit einem schwächelnden Ronaldo Favorit? “Die Favoriten sind immer die, die weiterkommen”, so der Coach. “Mein Favorit ist Portugal.” Da war es dann doch noch, sein Lausbubenlächeln.

Jörg Wolfrum

Cristiano Ronaldo fordert offenbar fast 20 Millionen Euro von Ex-Klub Juventus

Bilanzfälschung, Aktienmanipulation, geheime Schwarzgeld-Absprachen mit Spielern: Juventus Turin befindet sich in prekärer Lage und steht unter akuter Beobachtung der Behörden. Dabei geht es auch um Cristiano Ronaldo.

Hat zwischen 2018 und 2021 für Juventus gespielt - und offiziell auf Gehalt verzichtet: Cristiano Ronaldo.

Hat zwischen 2018 und 2021 für Juventus gespielt – und offiziell auf Gehalt verzichtet: Cristiano Ronaldo.

imago images/NurPhoto

Die Turiner Staatsanwaltschaft und die italienische Börsenaufsichtsbehörde ermitteln dieser Tage gegen den italienischen Rekordmeister Juventus. Dem Klub aus dem Piemont wird Bilanzfälschung und Aktienmanipulation vorgeworfen, genauer gesagt 16 Leute werden beschuldigt – darunter die zurückgetretenen Andrea Agnelli (Präsident) und der frühere Weltklasse-Spieler Pavel Nedved (Vize).

In der Causa geht es auch um fingierte Spielerbewertungen. Dem Rekordmeister wird vorgeworfen, einigen seiner Profis bewusst falsche Marktwerte zugeschrieben zu haben – allein 2018, 2019 und 2020 soll die Bilanz so um 115 Millionen Euro geschönt worden sein.

Darüber hinaus sollen die Juve-Bosse während der Coronavirus-Pandemie Schwarzgeld ausbezahlt beziehungsweise zugesichert haben. Der genaue Vorwurf: Die Beschuldigten hätten 23 Profis, die einem coronabedingten Gehaltsverzicht in Höhe von 90 Millionen Euro zugestimmt hatten, einen Teil ihres Salärs doch gewährt – und zwar illegal hinten herum. Die Rede ist von vier Monatsgehältern, drei sollen aber eben schwarz und damit an der Bilanz und dem Aktienmarkt vorbei bezahlt worden sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.

“Was überrascht, ist die mutmaßliche Milchmädchenrechnung der Verantwortlichen: Dass strafbare Schwarzgeldzahlungen solchen Umfangs an der Bilanz vorbei nicht auffallen würden, dürfte von Anfang an illusorisch gewesen sein”, hat dazu Dr. Ingo Bott, Rechtsanwalt, Wirtschaftsstrafrechtsexperte und Inhaber der Düsseldorfer Kanzlei Plan A, erst kürzlich gegenüber dem kicker mitgeteilt. Und weiter: “Dass die Entscheidung dennoch so gefallen sein könnte, zeigt, wie sehr sich Juve von den Realitäten eines normalen Wirtschaftens entfernt haben und in Abhängigkeit von nur auf dem Papier bescheidenen Spielern begeben haben dürfte.”

Es geht offenbar um 19,9 Millionen Euro

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Einer dieser vorneherum bescheidenen Akteure soll auch Cristiano Ronaldo sein, der aktuell mit Portugal bei der WM in Katar weilt und nach seinem Aus bei Manchester United vereinslos ist. Der inzwischen 37-jährige Stürmer hat nach seinem Abschied von Real Madrid zwischen 2018 und 2021 für Juve gespielt, in dieser Zeit zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg gewonnen sowie in 98 Serie-A-Einsätzen stolze 81 Treffer markiert.

Nun fordert der Weltstar offenbar, wie die “Gazzetta dello Sport” an diesem Sonntag berichtet hat, 19,9 Millionen Euro von den Turinern. Dieser Betrag sei jener Lohn, der während der Pandemie zwischen beiden Parteien vereinbart worden sein soll. Der Klub hat erklärt, dass er das Geld bereits ausgezahlt habe. Der Spieler, der während seiner Zeit bei der Alten Dame über 30 Millionen Euro netto pro Saison verdient hat, behauptet laut der Zeitung jedoch, nie eine Überweisung bekommen zu haben.

CR7 ist damals jedenfalls einer der Juventus-Profis gewesen, die sich öffentlich zu einem Gehaltsverzicht bekannt haben. Intern und hinter verschlossenen Türen habe der Europameister von 2016 aber laut der “Gazzetta” eine Absprache über die 19,9 Millionen Euro getroffen – die die Bianconeri garantiert zu leisten hätten, selbst wenn er den Klub verließe – was am Ende auch so gekommen ist.

Zum Thema: Auch die UEFA ermittelt gegen Juventus

Cristiano Ronaldo kurz vor Unterschrift in Saudi-Arabien?

Die Zukunft des aktuell vereinslosen Cristiano Ronaldo (37) wird in diesen Tagen immer wieder diskutiert. Eine neue, heiße Spur führt nach Saudi-Arabien.

Landet er in Saudi-Arabien? Cristiano Ronaldo.

Landet er in Saudi-Arabien? Cristiano Ronaldo.

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Einem Bericht der für gewöhnlich gut informierten spanischen Sportzeitung “Marca” zufolge soll Cristiano Ronaldo kurz vor einer Vertragsunterschrift beim saudischen Klub Al-Nassr stehen. Demnach habe sich der 37 Jahre alte Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft mit dem Verein bereits auf einen Zweieinhalbjahresvertrag geeinigt. Das unglaubliche Gesamtvolumen des Deals soll in etwa bei 200 Millionen Euro pro Saison liegen – einschließlich Werbeeinnahmen. CR7, seit der Trennung von Manchester United in der vergangenen Woche vereinslos, würde sich also für das Geld und gegen eine sportliche Perspektive entscheiden.

Vor der “Marca” hatte bereits der US-amerikanische Sender “CBS Sport” über ein Angebot von Al-Nassr berichtet. Beim Klub aus Saudi-Arabien, den der Franzose Rudi Garcia (zuvor unter anderem in Lille, Rom, Marseille und Lyon im Amt) trainiert, stehen weitere in Europa bekannte Spieler unter Vertrag. Zu ihnen zählen auch der frühere Bundesliga-Profi Luiz Gustavo und der kolumbianische Nationalkeeper David Ospina.

Cristiano Ronaldo hatte seine Zukunft selbst zuletzt offen gelassen, auch ein Karriereende im Falle des WM-Titels hatte er nicht ausschließen wollen. Sein voller Fokus gelte vorerst der portugiesischen Nationalmannschaft, mit der er nach dem EM-Triumph 2016 nun auch die wichtigste interkontinentale Trophäe gewinnen will. Die Portugiesen stehen bereits im WM-Achtelfinale, am Freitag (16 Uhr, LIVE! bei kicker) folgt das letzte Gruppenspiel gegen Südkorea. Dann wollen die Portugiesen auch allerletzte Restzweifel am Gruppensieg ausräumen.

Seine Spuren in Katar hat Cristiano Ronaldo bereits hinterlassen: Mit seinem Tor beim 3:2-Auftaktsieg gegen Ghana ist der Modellathlet nun der einzige Spieler, der bei fünf unterschiedlichen WM-Turnieren getroffen hat. Hinterlässt CR7 bald auch Spuren in Saudi-Arabien?

Kahn über Pavard: “Bei uns kann keiner seinen Abgang mit Aussagen einleiten”

Oliver Kahn hat mit einer klaren Ansage auf die Wechselgedanken von Benjamin Pavard reagiert. Außerdem spricht der Vorstandschef des FC Bayern über die Kane-Gerüchte – und über Cristiano Ronaldo.

Wie lange spielt er noch im Bayern-Trikot? Benjamin Pavard.

Wie lange spielt er noch im Bayern-Trikot? Benjamin Pavard.

IMAGO/Team 2

Schon im Sommer hatte er seine Zukunft offengelassen, vor rund zwei Wochen ging Benjamin Pavard dann erneut in die Offensive: “Vielleicht ist es jetzt an der Zeit”, hatte der Verteidiger des FC Bayern im “L’Equipe”-Interview über einen Vereinswechsel gesagt. “Warum nicht ein neues Land, eine neue Kultur entdecken?”

Hat Pavard, dessen Vertrag im Sommer 2024 ausläuft, mit diesen Aussagen seinen Abschied aus München eingeleitet? “Bei uns kann keiner seinen Abgang mit Aussagen einleiten, schon gar nicht in der Öffentlichkeit”, konterte nun der FCB-Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn bei “Sky” mit einer klaren Ansage: “Das gibt es bei uns nicht.”

Mit den Wechselgedanken des 26-jährigen Franzosen und WM-Fahrers, der 2019 vom VfB Stuttgart kam, geht Kahn gelassen um. “Benji ist halt auch ein bisschen von Stimmungen abhängig. Ich glaube, er weiß, was er am FC Bayern hat. Wir wissen auch, was wir an ihm haben. Wir können die Emotionen der Spieler, die mal hoch und mal runter gehen, einordnen und managen.”

“Es wird mir immer in den Mund gelegt, dass ich Harry Kane so gut finde”

Pavard muss bei den Bayern meistens als Rechtsverteidiger agieren, wäre allerdings gerne gesetzter Innenverteidiger bei einem europäischen Topklub. Immerhin könnten ihm durch den Kreuzbandriss von Landsmann Lucas Hernandez, dessen monatelangen Ausfall die Bayern-Bosse intern auffangen wollen, in den nächsten Monaten mehr Einsätze im Abwehrzentrum winken.

Weniger deutlich wurde Kahn beim Thema Harry Kane, der als mögliches Transferziel im kommenden Sommer gilt. “Es wird mir immer in den Mund gelegt, dass ich Harry Kane so gut finde. Natürlich ist er ist ein sehr guter Spieler, aber es gibt auch viele andere sehr gute Spieler”, so der Bayern-Boss über den Torjäger der Tottenham Hotspur.

“Ich habe das auch überall in den Zeitungen und Medien gelesen: Oliver Kahn und Harry Kane und Hasan und Harry Kane. Also: Wir beschäftigen uns mit vielen Spielern, aber es ist nicht richtig, wenn man immer über Spieler spricht, die bei anderen Vereinen unter Vertrag stehen. Nochmal: Wir haben einen sehr guten Kader, der das im Moment hervorragend macht.”

Kahns erneute Absage an Cristiano Ronaldo

Und zu dem niemals Cristiano Ronaldo stoßen wird. Auf die Frage, ob er ausschließen könne, dass der gerade vereinslose Portugiese eines Tages Bayern-Profi werde, antwortete Kahn: “Ja, das kann ich ausschließen. Wir haben uns natürlich auch schonmal damit beschäftigt, das ist unsere Pflicht. Aber wir haben eine klare Idee und Philosophie, wie unser Kader zusammengebaut sein muss. Es gibt keine Diskussion: Wir alle schätzen und lieben Cristiano Ronaldo, aber das ist etwas, was nicht zu unserer Idee passt.” Ganz ähnlich hatte sich Kahn bereits im Sommer im kicker geäußert.

Technologische Erkenntnis: “Definitiv kein Ballkontakt” von CR7 beim Tor

Cristiano Ronaldo war sich offenbar ziemlich sicher beim 1:0-Führungstor der Portugiesen gegen Uruguay. Die technologischen Auswertungen haben nun aber ergeben: Der Superstar war nach Bruno Fernandes’ Hereingabe nicht am Ball.

Alle Unklarheiten beseitigt: Ein Torschütze und Cristiano Ronaldo.

Alle Unklarheiten beseitigt: Ein Torschütze und Cristiano Ronaldo.

picture alliance / Xinhua News Agency

Gestenreich hatte Cristiano Ronaldo nach dem Führungstor der Portugiesen beim 2:0-Vorrundensieg über Uruguay bedeutet, dass er noch an Bruno Fernandes‘ Flankenschuss dran gewesen war mit dem Scheitel. Die FIFA sprach das 1:0 nach anfänglichen Irritationen jedoch dem CR7-Teamkollegen zu – und auch die Auswertung der Sensor-Technologie im offiziellen Spielball spricht jetzt klar gegen Ronaldos Version.

Spielbericht

Die Connected Ball Technology, die im “Al Rihla Official Match Ball” von Adidas untergebracht ist, habe “definitiv keinen Ballkontakt von Cristiano Ronaldo für das Eröffnungstor des Spiels” gezeigt, sagte Adidas-Sprecher Oliver Brüggen auf Anfrage. Der 500-Hz-IMU-Sensor im Inneren des Balls ermögliche eine sehr genaue Analyse. “Es konnte keine externe Kraft auf den Ball gemessen werden”, so Brüggen weiter und verwies auf das Fehlen des “Herzschlags” in den Messungen, was in einer Grafik erkennbar sei.

“Wir wissen, dass Ronaldo auf Tore aus ist”

Ronaldo war dagegen überzeugt, dass er den Ball noch leicht mit dem Kopf berührt hatte. Das machte der Superstar dem offiziellen Torschützen nach dem Schlusspfiff auch deutlich. Bruno Fernandes, der nach Ronaldos Auswechslung per verwandelten Handelfmeter auch zum 2:0 traf, nahm die Diskussion mit Humor: “Wir wissen, dass Ronaldo ein Stürmer ist und auf Tore aus ist”, sagte der Mann, der CR7 die Show stiehlt.

Der Mann, der CR7 die Show stiehlt

Portugal, nicht unbedingt WM-Favorit, steht schon nach zwei Spielen im Achtelfinale. Dank Cristiano Ronaldo? Nur bedingt.

Gemeinsamer Jubel - in eine andere Richtung: Cristiano Ronaldo und Bruno Fernandes (re.).

Gemeinsamer Jubel – in eine andere Richtung: Cristiano Ronaldo und Bruno Fernandes (re.).

AFP via Getty Images

Es ist noch gar nicht so lange her, da stritt sich Bruno Fernandes relativ aussichtsreich mit Mohamed Salah oder Kevin De Bruyne um den Status als bester Offensivspieler der Premier League. 28 Tore und 17 Vorlagen in 58 Partien der Saison 2020/21 unterstrichen das im Trikot von Manchester United eindrucksvoll, wohlgemerkt aus dem (offensiven) Mittelfeld.

In die Nationalmannschaft wollte sich derlei Ausbeute für den Portugiesen jedoch nie wirklich übertragen lassen, zuletzt blieb der 28-Jährige auch bei der 2021 ausgetragenen Euro 2020 ohne direkte Torbeteiligung. Einer der Faktoren für Bruno Fernandes’ Zurückbleiben hinter den Erwartungen folgte ihm nach dem Turnier zu den Red Devils: Rückkehrer Cristiano Ronaldo.

Bruno Fernandes schoss Portugal schon zur WM

Daraufhin nahm Bruno Fernandes’ Einfluss auch im Verein ab, in der laufenden Spielzeit kommt er in 20 Einsätzen dort lediglich auf drei Tore und drei Vorlagen. Im Schatten der großen Ausnahmeerscheinung? Nach der WM könnte sich das wieder ändern, weil er bei seinem Arbeitgeber bekanntlich nicht mehr auf seinen Landsmann treffen wird.

Doch zunächst spielt sich auch für Bruno Fernandes alles in Katar ab, wo der Europameister von 2016 ohne ihn womöglich gar nicht weilen würde. Trotz (eines alternden) Cristiano Ronaldo war es der Platzhirsch aus der zweiten Reihe, der den Portugiesen mit einem Doppelpack in den Qualifikations-Play-offs gegen Nordmazedonien erst das WM-Ticket löste.

Bei Cristiano Ronaldos fünfter WM zeichnet sich momentan ein ähnliches Bild ab. Zwar schreibt CR7 weiterhin die meisten Schlagzeilen, in den sportlichen Mittelpunkt spielte sich bislang aber Bruno Fernandes. Beim 3:2-Auftaktsieg über Ghana, den Kapitän Ronaldo mit seinem bisher einzigen Turniertor eingeleitet hatte, entschied der Mann mit der Rückennummer 8 eine in der Schlussphase wilde Partie mit zwei Vorlagen.

Und beim vorzeitig klargemachten Achtelfinal-Einzug gegen Uruguay (2:0) schoss er beide Tore diesmal selbst – auch wenn die Frage des Torschützen beim 1:0 vielleicht nie endgültig geklärt werden wird. “Mein Gefühl war, dass Cristiano den Ball berührt hat. Ich habe gejubelt, als ob Cristiano das Tor gehört hätte”, fügte sich Matchwinner Fernandes zwar brav – was der FIFA offensichtlich egal war. Neben dem Tor gehörte auch die große Bühne diesmal ihm.

Ist das ein Problem für Portugal? Nicht wenn man den Protagonisten glaubt, denen immer mal wieder gewisse Streitigkeiten nachgesagt werden. Bruno Fernandes nannte Cristiano Ronaldo dagegen anredend zuletzt abermals ein “Vorbild”, CR7 selbst räumte in seinem längst berüchtigten Interview ein, sich ebenso über einen WM-Triumph zu freuen, zu dem er kein einziges Tor beigetragen hätte. Das kann ihm nun ja schon mal nicht mehr passieren.

Nicht mal Bruno Fernandes sagt, dass Bruno Fernandes getroffen hat

Minimal mit dem Kopf, minimal mit den Haarspitzen? Cristiano Ronaldo hat direkt nach Abpfiff klarmachen wollen, dass er das zwischenzeitliche 1:0 beim 2:0-Sieg über Uruguay gemacht hat. Doch ist es wirklich so gewesen?

Wer hat denn nun getroffen? Bruno Fernandes ist es letztlich egal, wie er selbst mitgeteilt hat.

Wer hat denn nun getroffen? Bruno Fernandes ist es letztlich egal, wie er selbst mitgeteilt hat.

IMAGO/Xinhua

Aus Katar berichtet Jörg Wolfrum

Dass er das 1:0 via Kopfball gemacht hat, hat Cristiano Ronaldo nach dem Schlusspfiff dann doch noch deutlich gemacht – mit unmissverständlicher Geste: CR7 wischte sich mit der Hand über die Stirn, gleich mehrmals, mit weit aufgerissenen Augen. Das sollte heißen: Er war am Ball dran, es müsste eigentlich also sein Treffer sein in der 54. Minute beim vom Ergebnis her erfolgreichen Spiel gegen Gruppe-H-Kontrahent Uruguay, der beim 2:0 für die Seleçao mehrmals Pech gehabt und sich mindestens ein Tor verdient gehabt hatte.

Da hatte Bruno Fernandes eine Flanke von links in den Strafraum gebracht. Und der Ball flog – ja was nun eigentlich? Ins Tor, weil ihn der Profi von Manchester United so toll angeschnitten hatte oder weil der nach seinem beendeten ManUnited-Engagement aktuell vereinslose Cristiano Ronaldo doch noch einen Hautfetzen oder ein Härchen an die Kugel gebracht hatte?

“Es ist gar nicht so wichtig, wer dieses Tor gemacht hat”

Die FIFA entschied schnell auf einen Treffer für Fernandes und gegen den Kapitän, Portugals Nationaltrainer Fernando Santos war es ohnehin egal. “Unsere Mannschaft hat ein tolles Spiel”, sagte der Coach nach dem in Wahrheit weitgehend unansehnlichen Spiel als Antwort auf die Frage, wer von seinen beiden Stars denn nun das Tor erzielt habe – und setzte dabei sein Lausbubenstrahlen auf.

Und der Torschütze selbst, der in der Nachspielzeit super cool einen Elfmeter zum 2:0-Endstand verwandelt und danach sogar noch zwei Chancen auf den Hattrick vergeben hatte? Der Mann des Abends sagte: “Es ist gar nicht so wichtig, wer dieses Tor gemacht hat. Als der Ball drin war, dachte ich, er hätte den Ball getroffen …” Dann brach der Satz ab.

Da traut sich keiner zu sagen, dass der so torhungrige Kapitän vielleicht doch einmal kein Tor gemacht hat – weder der Trainer noch der Kollege. Immerhin: Zu dem Flitzer mit der Regenbogenflagge wollte oder konnte der Doppeltorschütze nicht viel sagen, nur: “Wir sind hier, um zu spielen. Wir respektieren die Menschenrechte, den politischen Status Quo können wir nicht ändern.”

Die Aussage passte zu dem trüben Spiel, bei dem sich auch eine Ära einen Schritt weiter dem Ende angenähert hatte.

Oliseh lobt Cristiano Ronaldos Elfmeter-Trick: “Total genial”

Wirklich spektakuläre Erkenntnisse über den ersten Durchgang der Vorrundenspiele hält die Analyse der Technischen Studiengruppe der FIFA nicht bereit. Für Aufsehen könnte allerdings eine Bemerkung von Sunday Oliseh über Superstar Cristiano Ronaldo sorgen.

Hält viel von Cristiano Ronaldo: Ex-Bundesliga-Spieler Sunday Oliseh.

Hält viel von Cristiano Ronaldo: Ex-Bundesliga-Spieler Sunday Oliseh.

IMAGO/Fotostand

Aus Katar berichtet Thiemo Müller

Alberto Zaccheroni, Sunday Oliseh und Faryd Mondragon hatten am Samstagvormittag auf einem Podium im FIFA-Pressezentrum in Doha Platz genommen. Das Trio gehört zur Technischen Studiengruppe des Weltverbands und präsentierte in deren Namen eine Analyse des ersten WM-Spieltags, der am Donnerstag zu Ende gegangen war. Dass sich der Erkenntniswert zu einem solch frühen Zeitpunkt noch in Grenzen hält, liegt in der Natur der Sache.

Ein erster möglicher Trend: Im laufenden Turnier spielen Flanken eine bemerkenswert große Rolle für eine erfolgreiche Offensive. 56 Prozent der Flanken führten demnach zu Abschlüssen, 14 Prozent zu Toren. 2018 in Russland lagen diese Werte bei 35 bzw. lediglich drei Prozent. Allerdings beziehen sich jene Zahlen von damals aufs gesamte Turnier, repräsentativ ist der Vergleich mit den bislang in Katar erfassten 16 Partien daher nicht.

Kurios: Argentinien und Deutschland gehören zu den Top-Teams beim Gegenpressing

Ein weiteres zentrales Thema der Expertenriege: Gegenpressing. Mannschaften, die sich dieses Stilmittels nach Ballverlust besonders intensiv bedienten, verbuchten einen doppelten Vorteil, so Zaccheroni und Co. Dieser ist evident: “Die Teams kommen schneller wieder an den Ball und erarbeiten sich insgesamt mehr Chancen”, wie Oliseh erklärt. “Außerdem sparen sich die Spieler lange Wege zurück, um das eigene Tor zu verteidigen – und sie können verhindern, dass der Gegner Zeit bekommt, eine Unordnung in der Rückwärtsbewegung auszunutzen. Insofern ist Gegenpressing nicht nur ein offensives, sondern auch ein defensives Stilmittel.” So weit, so logisch.

Eine Überraschung offenbarte freilich der Blick aufs Gegenpressing-Ranking der ersten Gruppenphase: Zu den Top-5-Teams zählten da zwar mit England (6:2 gegen den Iran) und Spanien (7:0 gegen Costa Rica) zwei strahlende Sieger. Aber daneben ebenso Argentinien und Deutschland, die beim jeweiligen 1:2 gegen Saudi-Arabien beziehungsweise Japan Opfer der beiden bislang größten Turnierüberraschungen wurden. Japan wiederum landete in dieser Kategorie lediglich auf dem drittletzten Platz, auch die Franzosen (4:1 gegen Australien) nur knapp darüber.

“Cristiano Ronaldo? Die Leute können über diesen Mann sagen, was sie wollen”

Ob intensives Gegenpressing wirklich die Wahrscheinlichkeit auf den Sieg erhöht, ließe sich demnach bezweifeln. Doch auch hier gilt: Je kleiner die untersuchte Zahl der Spiele, desto größer der Einfluss des Zufalls. Sollte sich die tatsächliche Bedeutung des Gegenpressings im Turnierverlauf nicht noch herauskristallisieren, wäre das erstaunlich. Eine Reporterfrage, die sich nicht auf die vorgestellten Themen bezog, führte schließlich zu einer der interessantesten Antworten: Warum es generell im internationalen Spitzenfußball mehr Strafstöße gebe als früher? Daran, beschied Oliseh, sei nicht nur die Einführung des VAR ursächlich beteiligt.

Sondern: “Die Stürmer sind cleverer geworden.” Als Paradebeispiel führte der ehemalige BVB-Profi den von Cristiano Ronaldo herausgeholten und viel diskutierten Elfmeter bei Portugals 3:2 gegen Ghana an: “Die Leute können über diesen Mann sagen, was sie wollen”, betonte Oliseh, “seine Aktion war einfach smart. Er war geduldig und hat genau auf den richtigen Moment gewartet, um einen Tick vor dem Verteidiger am Ball zu sein, der dann gar nicht mehr anders konnte, als ihn zu treffen. Das war total genial.”

Aufregung um CR7-Rekord: Es hätte auch anders kommen können

Als Cristiano Ronaldo am Donnerstagabend einen neuen Meilenstein erreichte, wurde diesem in erster Linie mit Zweifeln begegnet. CR7 selbst konnte eigentlich gar nichts dafür.

Das Tor, das nicht zählte: Rekordmann Cristiano Ronaldo (li.).

Das Tor, das nicht zählte: Rekordmann Cristiano Ronaldo (li.).

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Der frühe Donnerstagabend hatte schon emotional begonnen für Cristiano Ronaldo, der neuerdings ohne Verein ist und in Katar, obwohl man bei ihm ja nie weiß, wahrscheinlich seine letzte WM spielt. Als vor dem ersten Gruppenspiel gegen Ghana die portugiesische Hymne erklang, liefen ein paar Tränen die Wangen eines sichtlich berührten Kapitäns hinab.

Wurde ihm in diesem Moment die eigene Endlichkeit bewusst? Oder die Drucksituation, sich auf seine alten Fußballertage noch einmal auf die Wunschzettel der Vereine spielen zu müssen, zu denen er nach dem Turnier am liebsten wechseln würde? CR7 begann jedenfalls sichtlich nervös, vertändelte bei seiner ersten Aktion den Ball und verstolperte eine erste Großchance.

Doch der klare Zielspieler spielstarker Portugiesen fing sich – auf der Jagd nach einem weiteren großen Meilenstein. Als erster Spieler in der bisherigen Geschichte des Fußballs konnte der inzwischen 37-Jährige bei fünf verschiedenen Weltmeisterschaften mindestens ein Tor erzielen – natürlich hakte er diesen Punkt gleich beim ersten Auftritt ab. “Ich jage keine Rekorde, sie jagen mich”, behauptet CR7 ja immer wieder.

Schiedsrichter Elfath lag zweimal falsch

Wie Cristiano Ronaldo seine eindrucksvolle Bestmarke allerdings erreichte, stellte deren Besonderheit hinterher beinahe in den Schatten. Portugals Kapitän – regelmäßig kritisiert, seine Tore hauptsächlich auf diese Weise zu erzielen – brachte den Europameister von 2016 vom Elfmeterpunkt in Führung. Vorangegangen war ein umstrittener Strafstoß-Pfiff, für den nicht nur Ghanas Trainer Otto Addo wenig Verständnis hatte. Kontakt ja, aber das bedeutet bekanntlich nicht automatisch auch Foul. Eines der liebsten Feindbilder des Weltfußballs hatte den Elfmeter selbst herausgeholt.

So wird noch am Tag danach auch in der Fachpresse eher skeptisch auf Portugals Turnierstart und einen dieser vielen CR7-Rekorde geblickt, der – wenn Schiedsrichter Ismail Elfath (USA, kicker-Note 5) alles korrekt entschieden hätte – ja auch ganz anders hätte zustande kommen können. Das Rekord-Tor war eigentlich schon in der 31. Minute gefallen, als sich Cristiano Ronaldo robust gegen Ghanas Alexander Djiku durchsetzte und trocken vollstreckte – doch da war die Partie wegen eines vermeintlichen Offensivfouls von CR7 bereits unterbrochen. Auch diesen Pfiff hätte es eher nicht geben dürfen.

Wie so oft, gerade beim fünfmaligen Weltfußballer, ist es eben ganz viel Schwarz und Weiß – obwohl am Ende eine ziemlich gemischte Leistung stand (kicker-Note 2,5). Das gilt übrigens für die gesamte portugiesische Mannschaft: Offensiv wirkt sie weitaus potenter als 2016, doch defensiv wirft sie bereits große Fragen auf. Ein Aussetzer von Schlussmann Diogo Costa hätte Portugal beinahe noch den Sieg gekostet.