Ohne Fan-Voting: Titz ist “Trainer der Saison” der 3. Liga

An dem Meistermacher des 1. FC Magdeburg führte in der Saison 2021/22 kein Weg vorbei: Christian Titz ist der “Trainer des Jahres” in der 3. Liga. Und zwar ohne Fan-Voting.

Magdeburgs Meistermacher Christian Titz ist "Trainer der Saison".

Magdeburgs Meistermacher Christian Titz ist “Trainer der Saison”.

IMAGO/Hartmut Bösener

Denn bereits das Voting der Kapitäne und Trainer der Drittligisten fiel laut einer Mitteilung des DFB so eindeutig aus, dass auf eine Abstimmung unter den Fans verzichtet wurde: Von 38 möglichen Stimmen erhielt Christian Titz 33. Die übrigen fünf Stimmen – darunter beide des FCM – verteilten sich auf fünf weitere Trainer. Wegen des Rückzugs von Türkgücü München waren Vertreter von 19 Drittligisten für die Wahl berechtigt – alle nahmen daran teil.

Im Normalfall gehen nach der fachlichen Vorauswahl der Experten der Drittligisten die Kandidaten mit den meisten Stimmen anschließend in ein Fan-Voting. Doch angesichts der Eindeutigkeit des ersten Ergebnisses verzichtete der DFB auf eine finale Runde, die Entscheidung ist damit bereits gefallen: Titz tritt die Nachfolge von Löwen-Coach Michael Köllner an, der im Vorjahr die Wahl für sich entschieden hat.

Zum zweiten Mal wurde damit ein Drittliga-Coach ohne Fan-Voting zum “Trainer der Saison” gewählt. In der Saison 2018/19 setzte sich auf gleiche Weise Daniel Thioune durch. Der derzeitige Düsseldorfer Coach hatte vor drei Jahren den VfL Osnabrück überraschend zum Aufstieg geführt.

Atik und Condé stehen zur Auswahl: Magdeburg räumt Doppelerfolg ab

Titz hatte im Februar 2021 den damals abstiegsbedrohten 1. FC Magdeburg übernommen und noch zum Klassenerhalt geführt. In dieser Saison waren die Sachsen-Anhalter das Maß der Dinge in der 3. Liga: Von bisher 34 Saisonspielen konnten sie 22 für sich entscheiden, je sechs Partien endeten unentschieden oder wurden verloren. Bereits am 35. Spieltag wurden die Meisterschaft und der Aufstieg eingetütet.

Die Dominanz zeigt sich auch in der Vorauswahl der Spieler des Jahres: In dieser stehen mit Topscorer Baris Atik und Amara Condé zwei Magdeburger zur Auswahl. Wie 1860 im Vorjahr wird der FCM also in dieser Saison einen Doppelerfolg abräumen können.

Jörg Wieserner

Nach zehn Jahren ist Schluss: Kallnik verlässt Magdeburg

Mario Kallnik hat den 1. FC Magdeburg zunächst als Spieler und dann zehn Jahre in verantwortlicher Position begleitet. Nun verkündete der Geschäftsführer, seinen Vertrag beim Zweitliga-Aufsteiger nicht zu verlängern.

Mario Kallnik verabschiedet sich beim 1. FC Magdeburg.

Mario Kallnik verabschiedet sich beim 1. FC Magdeburg.

imago images/Christian Schroedter

Von 2001 bis 2008 lief Kallnik als Spieler beim 1. FC Magdeburg auf, in seiner Statistik stehen auch 88 Regionalliga- (damals dritthöchste Liga) und vier DFB-Pokalspiele. Seit 2012 arbeitete der 47-Jährige dann als Funktionär beim FCM, erst als Sport- und Finanzchef, dann als Geschäftsführer. Und er sorgte mit für den Aufschwung der Magdeburger, die aus der Viertklassigkeit bis in die 2. Bundesliga schafften, nach dem Abstieg 2018/19 nun auch da wieder als Drittliga-Meister angekommen sind.

Ich kann sagen, dass die gesteckten Ziele für die Entwicklung des 1. FC Magdeburg erreicht wurden

Mario Kallnik

“In den vergangenen Wochen ist meine Entscheidung gereift, meinen Vertrag als Geschäftsführer beim 1. FC Magdeburg über den 30.06.2022 hinaus nicht verlängern zu wollen”, ließ Kallnik am Montag in einem persönlichen Statement über die Internetseite des Vereins wissen. “Meine Entscheidung habe ich den Gremien des Vereins offiziell mitgeteilt.”

“Heute, spannende und ereignisreiche 10 Jahre nach meinem Amtsantritt im Präsidium des Vereins und später als Geschäftsführer der ausgegliederten GmbH, kann ich sagen, dass die gesteckten Ziele für die Entwicklung des 1. FC Magdeburg erreicht wurden”, führte Kallnik weiter aus. “Der Verein ist in der 2. Bundesliga und hat eine gute finanzielle Ausgangsbasis zur Bewältigung kommender Herausforderungen. Darüber hinaus steht der 1. FC Magdeburg wieder für Identifikation und Stolz einer ganzen Region.”

Künftig ohne Kallnik. Der hatte Anfang April Otmar Schork an die Seite gestellt bekommen, der Sportchef war befördert worden. Aus dem Duo ist nun schnell wieder ein Sport-Geschäftsführer geworden.

Titz sieht “zwei reguläre Tore” und bemängelt die Spielführung

Magdeburgs Christian Titz wurde am Spielfeldrand nach dem vermeintlichen Treffer zum 2:2 gegen den BTSV persönlich von Schiedsrichter Daniel Siebert aufgeklärt. Dennoch blickte er im Nachhinein auf zwei Fehlentscheidungen zurück und monierte die Spielführung im Spitzenspiel.

War im Nachlauf der Partie gegen Braunschweig sehr aufgebracht: Christian Titz.

War im Nachlauf der Partie gegen Braunschweig sehr aufgebracht: Christian Titz.

IMAGO/Christian Schroedter

Es war der Aufreger des Topspiels zwischen Braunschweig und Magdeburg am Freitagabend. Nach Jason Cekas flachem Steilpass sprinten Magdeburgs Luca Schuler und Braunschweigs Jan-Hendrik Marx nebeneinander auf BTSV-Keeper Jasmin Fejzic zu. Der Schlussmann taucht ab und will den Ball unter sich begraben, wird dabei aber vehement gestört: Schuler und Marx setzen jeweils zur Grätsche an – Schuler trifft Fejzic am Unterkörper, Fejzics Mitspieler Marx kracht mit vollem Tempo in dessen Oberkörper, wonach der Routinier benommen zu Boden geht. Aus dem Haufen der drei involvierten Akteure rollt das Spielgerät zum vorläufigen Torschützen Kai Brünker, der beim gelungenen Torschuss mit einer heftigen Grätsche von Michael Schultz von den Beinen geholt worden war.

Ursprünglich lautete die Entscheidung des Schiedsrichters Tor, doch noch während die lädierten Spieler behandelt wurden, nahm Daniel Siebert den Treffer zurück und erkannte stattdessen ein Offensivfoul von Magdeburgs Schuler.

Danach wäre das Foul an Kai Brünker übrigens klar Rot.

Christian Titz

Da kochten die Emotionen natürlich hoch. Auch, wenn sich Magdeburgs Coach Christian Titz auf dem Feld nach Sieberts persönlicher Erklärung recht schnell wieder beruhigte, da er weiß, “wie schwer das auch für einen Schiedsrichter ist, sowas zu entscheiden”, teilte er im Nachlauf beim Interview mit “MagentaSport” nicht die Einschätzung des Unparteiischen. Siebert erklärte Titz ursprünglich, dass “sein Spieler in den Torwart reingegrätscht wäre, aber wie man sieht, ist der Braunschweiger Spieler in seinen eigenen Torwart reingegrätscht. Danach wäre das Foul an Kai Brünker übrigens klar Rot”, schätzt der 51-Jährige die heftige Grätsche an Brünker ein, der das Feld anschließend sogar verletzt verlassen musste.

“Zwei reguläre Treffer” und “Fouls, die nichts bestraft werden”

“Wir können das drehen wie wir wollen, aber wir haben zwei reguläre Tore gemacht und dann wäre das auch ein anderes Spiel.” Titz stößt nämlich eine weitere Entscheidung böse auf: Das mögliche Magdeburger 1:0 aus der 28. Spielminute, als Schuler seinen Gegenspieler Brian Behrendt vor dem Einschuss aber mit einem deutlichen Körpereinsatz zu Boden schickte – eine vertretbare Entscheidung, den Treffer zurückzunehmen, da sich Schulers Einsatz fast ausschließlich an den Gegner richtete.

Allgemein habe es Titz aber “besonders geärgert, dass Fouls nicht mit Karten bestraft wurden. Mir wurde gesagt, dass wir Drittligafußball spielen und hier körperlich gespielt wird.” Aber: “Wenn Foul gespielt wird, sollte das aber mit einer Karte bestraft werden. Dann überlegt der Gegner nämlich, ob er es nochmal macht.”

Nach dem mitreißenden und nervenaufreibenden Spiel ist Magdeburg sicherlich daran interessiert, das letzte Heimspiel der Saison am kommenden Samstag (14 Uhr, LIVE! bei kicker) gegen die Münchner Löwen anders zu gestalten. Ein Heimsieg würde die nahezu perfekte Saison natürlich abrunden.

Aufstieg und Meister: Magdeburg krönt außergewöhnliche Saison

Der 1. FC Magdeburg steht nach dem 3:0 gegen Zwickau als erster Aufsteiger und als Drittligameister fest. Die Elbestädter krönten damit ihre überaus erfolgreiche und konstante Saison.

Baris Atik (re.) und Co. sind in die 2. Bundesliga aufgestiegen.

Baris Atik (re.) und Co. sind in die 2. Bundesliga aufgestiegen.

IMAGO/pmk

Durch das furiose 5:4 am vergangenen Spieltag beim SC Verl hatte sich der 1. FC Magdeburg einen Matchball erarbeitet. Und weil der Dritte Braunschweig aufgrund des Türkgücü-Rückzugs an diesem Spieltag zugucken muss, hatte das Team von Cheftrainer Christian Titz den Aufstieg in der eigenen Hand – unabhängig davon, was der Rest der Liga macht.

So, wie es eigentlich schon die ganze Saison lief. Am 3. Spieltag eroberte Magdeburg das erste Mal Platz eins, mussten diesen zwar nochmal hergeben, doch ab dem 7. Spieltag, einem 1:0-Sieg gegen den späteren Verfolger Kaiserslautern, sollte der FCM die Tabellenführung nach Abschluss jeden Spieltags inne haben. Bisweilen führte der Europapokalsieger von 1974 das Drittligatableau sogar mit mehr als zehn Punkten Vorsprung an, auf dem Rasen bewies die von Sportdirektor Otmar Schork und Cheftrainer Christian Titz zusammengestellte Mannschaft viel Spielwitz und Offensivdrang.

Heraus stach dabei vor allem einer: Baris Atik, der eine Fabelsaison hinlegte, den Drittliga-Rekord von 35 Torbeteiligungen in einer Saison schon vor dem 35. Spieltag pulverisierte und damit maßgeblichen Anteil an der besten Offensive der 3. Liga und der Zweitliga-Rückkehr des FCM hat.

Bemerkenswert ist die rasante Entwicklung, die der FCM in den vergangenen Monaten vollzogen hat. Noch vor einem Jahr schwebte der dreimalige DDR-Meister in akuter Abstiegsgefahr in der 3. Liga. Doch Titz und Schork, der kürzlich erst langfristig gebunden und zum Geschäftsführer befördert wurde, gelang es in Rekordgeschwindigkeit und mit hoher Akzeptanz innerhalb der Mannschaft, aus einem Abstiegs- einen Aufstiegskandidaten zu formen.

Magdeburg spielte letztmals in der Saison 2018/19 in der 2. Bundesliga, es war die erste Saison im Unterhaus überhaupt. Doch nach nur einem Jahr stieg der Klub wieder ab, landete in den Folgesaisons auf dem 14. und 11. Platz in der 3. Liga. Nun kehrt der FCM als Drittligameister zurück auf die Zweitliga-Bühne – und würde dort gerne länger als zuletzt bleiben.

“Strich” blieb immer gerade

1,73 Meter reichten ihm, um der größte Fußballer der DDR zu werden. Joachim Streich war der Inbegriff für Tore. Funktionäre und Medien rieben sich an ihm. Und er? Blieb sowohl in den Momenten des Triumphs als auch bei beißender Kritik immer er selbst: unprätentiös, nahbar, pragmatisch und mit einem nützlichen Fundus an Gelassenheit ausgestattet.

Streich war schon als Spieler einer gewesen, der sich immer mit den Umständen arrangieren konnte. Georg Buschner, von 1970 bis 1981 DDR-Auswahltrainer, war in seinen Urteilen zumindest über jene Spieler, die nicht aus “seinem” Jena kamen, oft nicht zimperlich. “Er ist mit jeder Situation zurechtgekommen. Er war ein richtiger Leck-mich-am-Arsch-Typ”, hat Buschner über Streich mal gesagt, und das war verdammt anerkennend gemeint.

Streich, der Junge aus Wismar, die Mutter Krankenschwester in der Betriebspoliklinik der Werft, der Vater Kraftfahrer, hat einfach immer aus allem das Beste gemacht. Er wurde nicht wie andere zu einem Klub delegiert, er hat kurzerhand selbst den Weg von der TSG Wismar zum FC Hansa Rostock angetreten, mit 16. Er durfte im Internat wohnen, aber Essensmarken waren nicht inklusive. Die anderen steckten ihm was zu, mit 70 Mark Lehrlingsgeld war nicht viel Staat zu machen.

Hans Meyer hätte ihn gut gebrauchen können – doch Streich zog nach Magdeburg

Als er 1975 – längst Nationalspieler und zu groß geworden für den soeben abgestiegenen FC Hansa – klar war mit Hans Meyer und Carl Zeiss Jena, bestellte ihn Günter Schneider, der Generalsekretär des DDR-Fußballverbandes DFV, nach Berlin ein. Jena? Dort wollten ihn die Funktionäre nicht haben, sie stellten Streich vor die Wahl, mit Hansa in die Zweitklassigkeit zu gehen oder zum DDR-Meister 1. FC Magdeburg zu wechseln. Meyer hatte mit Peter Ducke und Eberhard Vogel Ausnahmekönner im Sturm, beide aber jenseits der 30, diesen Streich, der im Strafraum meist richtig stand und auch noch das Richtige tat, hätte er schon gut gebrauchen können.

Stattdessen bezogen die Streichs eine Vier-Raum-Neubauwohnung in Magdeburg, 5. Stock, Fernheizung. Dass es anders kam als geplant, wurde für beide – Streich und den FCM – zu einem ziemlichen Glück. “Ich hab’ den Wechsel nie bereut”, sagte Streich, und das darf als Untertreibung durchgehen. Der “Fischkopp” sah in Magdeburg immer Land, auch wenn er mit dem Klub, der vor seiner Ankunft dreimal DDR-Meister und 1974 Europacup-Sieger wurde, nie den Titel holte. Aus Spaß sagte der Stürmer später: “Als ich kam, ging’s mit Magdeburg bergab.”

Das Spiel gegen Maradona “vergessen wir mal lieber”, schmunzelte Streich

Ging’s natürlich nicht wirklich, drei FDGB-Pokalsiege fuhr Streich ein und schlug mit den Blau-Weißen im Europacup legendäre Schlachten, siegreich gegen Schalke (4:2, 3:1 im UEFA-Cup 1977/78), knapp scheiternd an der PSV Eindhoven, Borussia Mönchengladbach oder dem FC Arsenal, und im September 1983 kam der Zirkus in die Stadt: der FC Barcelona, mit Cesar Luis Menotti auf der Bank und den Virtuosen Diego Maradona und Bernd Schuster auf dem Rasen, 1:5. “Das Spiel”, sagte Streich schmunzelnd, “vergessen wir mal schnell.”

Ein anderes hätte er gerne noch mal gespielt, November 1979, EM-Qualifikation, DDR gegen den Vizeweltmeister Niederlande, 92.000 Zuschauer im Leipziger Zentralstadion, eher mehr, 2:0 nach 33 Minuten, Tore Schnuphase und Streich, das Endrunden-Ticket praktisch griffbereit. Und dann ging’s dahin, Rot für Konrad Weise und La Ling, 2:3 am Ende, es war vorbei, tat bis zum Schluss aber immer noch weh, irgendwie.

Streich war 1974 bei der einzigen WM-Teilnahme der DDR erster und letzter Torschütze der Ostdeutschen, gegen Australien und Argentinien, aber später nochmal bei der Krönungsmesse des europäischen oder des Weltfußballs vorzuspielen, blieb ihm und dem Land versagt. Beim politisch überhöhten Kräftemessen gegen die Bundesrepublik ließ ihn Buschner 1974 auf der Bank. Streich war zuvor gegen Chile nach einer Erkältung nicht voll auf der Höhe, Buschner opferte gegen Deutschland West einen Angreifer, Streich. Jürgen Sparwasser, lange Jahre Streichs Bungalow-Nachbar, traf in Hamburg zum 1:0-Endstand und für die Ewigkeit, aber Streich konnte bei allem Ehrgeiz immer auch gönnen.

Die Zigarette ließ sich Streich auch als Spieler nie ausreden


Schaltete auf dem Rasen schneller als die meisten anderen: Joachim Streich (re.).

Schaltete auf dem Rasen schneller als die meisten anderen: Joachim Streich (re.).
imago images

Sein deutsch-deutsches Duell bestritt er schon 1972, bei Olympia in München, wo er das Attentat der Terroristen auf die israelischen Sportler vom Balkon gegenüber erlebte. Die DDR gewann am Ende Bronze und in der Zwischenrunde gegen die von Jupp Derwall trainierte Olympia-Auswahl der BRD, in der Uli Hoeneß, Ottmar Hitzfeld und Bernd Nickel standen, mit 3:2. Streich traf, natürlich, er traf im Grunde immer. Er bündelte Raffinesse und Robustheit, und sein Instinkt ließ ihn nie im Stich. 55 Tore in 102 Länderspielen, beides DDR-Rekordzahlen, auch seine 229 DDR-Oberliga-Tore (in 378 Spielen) blieben unübertroffen.

Der gelernte Schaltanlagenmonteur schaltete auf dem Rasen schneller als die meisten anderen, er war im Hauptberuf Fußballer und nebenher Genosse und Genießer, die Zigarette ließ er sich auch als Spieler nie ausreden. Als er nach einem UEFA-Cup-Spiel gegen Juventus Bettega, Scirea, Tardelli & Co. mit einem Zigarillo durch die Kabine laufen sah, wusste er, dass ein bisschen Genuss zur rechten Zeit eher kein Hinderungsgrund für Erfolge war.

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat man den Fußball in der DDR unterdrückt.

Joachim Streich

Der Fußball war in der DDR beim Volk ein Straßenfeger, aber für die auf Medaillen erpichte Sportführung ein Stiefkind. “Andere Sportarten wurden bevorzugt”, sagte Streich. “Im Gegensatz zu anderen Ländern hat man den Fußball in der DDR unterdrückt.” Trotzdem dachte er nie an Flucht, auch weil er beizeiten heiratete und Vater einer Tochter wurde. Frau und Kind zurückzulassen, das kam nie in Betracht. Ein einziges Mal rollte das Thema konkret auf den Angreifer zu, 1969, als er im Messecup – dem Vorläufer des UEFA-Cups – mit Hansa bei Panionios Athen spielte und Axel Bergmann und Lothar Hahn, zwei Mitspieler, den 18-jährigen Streich fragten, ob er mitkomme zur bundesdeutschen Botschaft in Athen. Streich sagte Nein, und die anderen beiden gingen auch nicht.

ManCity-Legende Bell sagte: “Die DDR hat zehn Arbeiter und einen Streich”

Sein schönstes Tor schoss – schlenzte – er 1974 gegen England in Leipzig, danach sagte Manchester Citys Mittelfeld-Legende Colin Bell: “Die DDR hat zehn Arbeiter und einen Streich.” Ganz fair war das gegenüber den fußballerischen Feingeistern Jürgen Pommerenke und Harald Irmscher nicht, aber gefallen hat der Satz Streich trotzdem. Sein 100. Länderspiel bestritt er auch gegen England, 1984, in Wembley. Peter Shilton, der Kapitän der “Three Lions”, drückte ihm vorm Anpfiff einen Silberteller in die Hand, und später beim Bankett machte der vormalige FIFA-Präsident Sir Stanley Rous, hochbetagt, dem Jubilar seine Aufwartung.

Streich, Spitzname “Strich”, war wegen seiner Schussstärke und Schlitzohrigkeit im Ausland gefürchtet, daheim drängte ihm mancher Journalist und mancher Funktionär mit großem Ego und kleinem Karo eine Debatte über angeblich fehlende Laufmeter auf. Streich hat dann – auch vor laufenden Kameras, und das hieß etwas – mit dem Verweis auf die von ihm erzielten Tore gekontert. Seine Zahlen sind Monumente, die bleiben, seine lakonische Art hat er sich bewahrt.

1985 durfte er – wie schon 1975 – wieder nicht das tun, wonach ihm der Sinn stand. Streich wollte nach dem Ende als Aktiver in den Nachwuchsbereich des 1. FC Magdeburg: rein in den Trainerberuf, aber raus aus der Öffentlichkeit. Mit dem Klub war alles geklärt, die SED-Bezirksleitung hatte anderes vor. Streich hat ein paarmal Nein gesagt, aber die Funktionäre haben ihm drohend erzählt, wie oft Klaus Sammer, der partout nicht Cheftrainer bei Dynamo Dresden werden wollte, beim DDR-Fußballverband antanzen musste, ehe er schließlich doch zähneknirschend einwilligte.

Bis zum Eintritt ins Rentenalter verkaufte Streich Sportschuhe

Streich hat beim FCM spätere Nationalspieler wie Dirk Schuster, Heiko Bonan und Uwe Rösler geformt, aber nach der Wende merkte er, was ihm als Trainer in der nun angebrochenen Zeit fehlte: eine Lobby und die Fähigkeit zur Selbstvermarktung. “Zu naiv”, sagte er im Rückblick, habe er sich 1990/91 bei Eintracht Braunschweig angestellt, “ich hatte keine Hausmacht und viele haben versucht, mir reinzureden”. Klüngeldenken und Politik im Hinterstübchen, das wollte er nicht, das konnte er nicht. 1996/97 rettete er dem FSV Zwickau den Zweitliga-Klassenerhalt, danach zog der Trainer Streich einen Schluss-Strich und verkaufte nach einem Abstecher zu Nike in einem Magdeburger Fachgeschäft bis zum Eintritt ins Rentenalter Sportschuhe.

Er blieb mit Menschen in Kontakt – und fühlte sich lange fit genug, um in der Traditionsmannschaft des 1. FC Magdeburg am Ball zu bleiben. Als kicker-Kolumnist stand er jahrelang für klare Kante. “Ich”, sagt Joachim Streich, “hatte eine wunderbare Zeit im Fußball.” Und der Fußball viele ganz wunderbare Momente durch ihn.

Steffen Rohr

Titz warnt vor spielstarken Kölnern und erinnert an eine “wichtige Niederlage”

Der 1. FC Magdeburg ist noch nicht am Ziel, erst recht nicht nach vier Spielen ohne dreifachen Punktgewinn. Gegen Köln will der Drittliga-Primus das Ruder herumreißen.

Keine Punkte in Berlin, dafür gegen Köln? FCM-Coach Christian Titz.

Keine Punkte in Berlin, dafür gegen Köln? FCM-Coach Christian Titz.

IMAGO/Jan Huebner

Auch bei Viktoria Berlin hat es nicht gereicht, mit 1:2 verlor der FCM vergangenen Montag in der Hauptstadt, zugleich das vierte Ligaspiel in Serie ohne Sieg (das 1:2 bei Türkgücü München wurde inzwischen freilich annulliert).

Nun geht es gegen die andere Viktoria der 3. Liga, Köln kommt am Wochenende an die Elbe. Ein Gegner, der in der Tabelle zwar deutlich schlechter steht als der FCM, im ersten Duell Ende Oktober jedoch als 1:0-Sieger vom Platz ging.

Großer Vorsprung, haarsträubende Fehler

“Trotz der Niederlage war das Hinspiel für unser Selbstvertrauen und unser Spiel gegen den Ball sehr wichtig”, erinnerte sich Christian Titz auf der Pressekonferenz am Freitag. “Viktoria Köln zählt zu den spielstärkeren Mannschaften der Liga, die versuchen, das Spiel aufzubauen und den Gegner hoch anzulaufen”, so der Magdeburger Trainer über die Höhenberger.

So richtig besorgt muss Titz bei allen Warnungen vor dem Gegner nicht sein. Sein Team weist nach wie vor satte acht Punkte Vorsprung auf Platz drei auf, bei einem Spiel weniger. Doch zuletzt wurde mehrfach deutlich: Der Spitzenreiter leistet sich defensiv teilweise haarsträubende individuelle Fehler und lässt bei Gegentoren die Zuordnung vermissen. Offensiv fehlt hingegen die Kaltschnäuzigkeit aus den Monaten zuvor.

Im Samstagsspiel nicht mitwirken kann Florian Kath aufgrund von Achillessehnenproblemen.

“Die werden brennen wie eine Fackel”

Das Aufeinandertreffen mit der Viktoria wird vor vollen Rängen stattfinden. Wie der FCM am Freitag wissen ließ, wurden bisher rund 19.200 Tickets für das Spiel in der MDCC-Arena verkauft, davon 70 Karten an Gästefans. Kölns Trainer Olaf Janßen äußerte Vorfreude auf Atmosphäre: “20.000 Zuschauer, eine tolle Stimmung, das macht den Fußball aus.” Auf seine Mannschaft komme “ein maximal schweres Spiel” zu, so Janßen. Der FCM “werde brennen wie eine Fackel”.

Magdeburg: Schork verlängert und wird Geschäftsführer

Otmar Schork hat seinen Vertrag beim 1. FC Magdeburg verlängert. Der 64-Jährige steigt außerdem zum Sport-Geschäftsführer auf.

Otmar Schork ist seit November 2020 für die sportlichen Geschicke beim 1. FC Magdeburg zuständig.

Otmar Schork ist seit November 2020 für die sportlichen Geschicke beim 1. FC Magdeburg zuständig.

imago images/Eibner

Schork ist seit November 2020 für den FCM tätig. Nun verlängerte er seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag, zudem steigt er vom Sportdirektor zum Sport-Geschäftsführer auf. “Mit Otmar Schork wird die Geschäftsführung der 1. FCM Spielbetriebs GmbH breiter aufgestellt. Seine Vertragsverlängerung ist die logische Folge einer sehr guten Arbeit, die er im sportlichen Bereich bereits geleistet hat”, wird Peter Fechner, Präsident des 1. FC Magdeburg, in einer Mitteilung des Drittliga-Spitzenreiters zitiert. Schork wird künftig mit Mario Kallnik das Geschäftsführer-Duo bilden. Wie lange sein neuer Vertrag gültig ist, teilte der Klub nicht mit.

“Es ist ein wichtiger und für die Entwicklung logischer Schritt, die Geschäftsführung des FCM um einen zweiten Geschäftsführer zu erweitern. Dass wir als Gremien des FCM mit Otmar Schork dabei einen erfahrenen und erfolgreichen Geschäftsführer Sport gewinnen konnten, freut mich ganz besonders”, sagt Lutz Petermann, Vorsitzender des Aufsichtsrats. “Die Verlängerung seines Engagements in Magdeburg ist gleichzeitig ein starkes Zeichen dafür, dass der Aufsichtsrat von seiner bisherigen Arbeit mehr als überzeugt ist.”

Gemeinsam mit Cheftrainer Christian Titz, der im Februar 2021 zum FCM kam, formte Schork aus dem Abstiegs- einen Aufstiegskandidaten in der 3. Liga. Magdeburg rangiert derzeit, trotz einer Drei-Spiele-Serie ohne Sieg unangefochten auf dem ersten Rang und steuert der Zweitliga-Rückkehr entgegen.

Schork, der sich vor allem durch jahrelange erfolgreiche Arbeit in Sandhausen einen Namen gemacht hat, fühlt sich nach eigener Aussage inzwischen “enorm wohl” beim Europapokalsieger von 1974. “Ich freue mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit und bin guten Mutes, weiterhin eine Triebfeder für die Fortentwicklung des Vereins zu sein”, sagt der gebürtige Hesse. “Der 1. FC Magdeburg ist ein großer Traditionsverein mit leidenschaftlichen Fans und einem tollen Umfeld.”